Niemand läßt sich gern am Zeug flicken. Auch das Bundesfinanzministerium nicht. Empfindlich reagiert es, wenn man ihm seine „wohlerworbenen Rechte“ in Zweifel zieht. In einem Beitrag in Nummer 18 der ZEIT (Rebellen gegen die Obrigkeit) versuchte ich, mögliche Auswirkungen einer Kaffeesteuersenkung auf den Kaffeeverbrauch aufzuzeichnen, wobei ich mir von allem Anfang darüber klar war, daß weder der Kaffeetrinker (also der Steuerzahler) noch die eventuell profitierenden Entwicklungsländer an der heutigen Lage etwas zu ändern vermögen. Denn was der Staat einmal hat, das läßt er sich nicht nehmen. Im neuesten Bulletin der Bundesregierung erteilte mir deshalb ein Ministerialrat des Finanzministeriums eine Rüge: Ich könne doch nicht ernsthaft mit dem Gedanken einer Kaffeesteuersenkung spielen, da der Fiskus die Milliarde, die sie erbringe, einfach brauche. Das sehe ich ein; und doch finde ich, daß diese Steuer, so wie sie ist, nicht schön ist.

Nicht ganz richtig ist auch – so meine ich überdies – was das Bundesfinanzministerium in überlegenem, wissenschaftlichem Jargon zur Verteidigung der Steuer vorbringt.

Der Wegfall der fiskalischen Belastung auf Kaffee (der Einzelhandelspreis könnte dadurch etwa um, 40 % sinken) würde nur eine Konsumausweitung um 10 % erbringen. Ich bin dagegen immer noch überzeugt, daß der Verbrauch um 30, ja 50 % steigen würde. Die bisherige Marktentwicklung in der Bundesrepublik und die Verbrauchsgewohnheiten in vergleichbaren Ländern sprechen dafür.

Wäre nämlich der Verbrauch auf eine Preisänderung hin so wenig elastisch, so müßte man die weitere These des Finanzministeriums sehr bezweifeln. Sie besagt kurz und bündig, die Deutschen würden ihren Kaffeekonsum auch ohne Steuer- und Zollsenkung noch um etwa 50 % ausweiten. Dies sei aber nicht die Folge sinkender Preise, sondern höherer Einkommen. In der Fachsprache des Ökonomen ausgedrückt heißt das: die Kaffeenachfrage reagiert auf sinkende Preise nur geringfügig, auf steigende Einkommen, erhöhten Wohlstand also, aber relativ stark. Diese Annahme (auch wenn sie etwa statistisch „nachgewiesen“ sein sollte) hat wenig volkswirtschaftliche Logik für sich, denn erfahrungsgemäß – und nach der Theorie – haben Güter mit einer geringen Preiselastizität auch keine große Einkommenselastizität, und umgekehrt. Man kann das anhand jeder Lehrbuchgrafik leicht erkennen.

Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und behaupte, daß es sehr schwerfallen dürfte, auf Grund konkreten statistischen Materials für die Bundesrepublik nachzuweisen, was von der bisherigen Konsumausweitung bei Kaffee den veränderten Preisen und was den erhöhten Einkommen zuzurechnen ist. Ich bleibe also bei meiner Vermutung: Die Deutschen werden gern pro Jahr ein paar Viertel mehr Kaffee verbrauen, wenn Steuer und Zoll wegfallen und ihn um einige Mark pro Kilo billiger werden lassen. Wenn sie trotz Zoll und Steuer auch mehr verbrauchen, spricht dies nicht gegen, sondern eher für meine Ansicht.

Fair wäre es aber, wenn der Fiskus die Konsumfreudigkeit seiner Bürger honorieren würde, sich endlich mit der heute „aus dem Kaffee gefilterten“ Milliarde begnügen würde und sich also zum Beispiel zu einer der Nachfragesteigerung gegenlaufenden Steuersenkung entschließen könnte. Ich sehe jedenfalls nicht ein, weshalb ich gerade mit meinem Kaffeesatz die Aufgaben, die „auf den Staat zukommen“, finanzieren soll.

Und noch etwas: Ein Glas Bier kostet rund 30 Pfennig, davon sind etwa 3,5 Pfennig Steuer, also 11,5 %. Eine „Normtasse“ Kaffee des Bundesfinanzministeriums kostet – ohne Milch und Zucker natürlich – rund 9 Pfennig, davon sind aber 2,5 Pfennig dem Staate zu entrichten, also etwa 28 %. Das Finanzministerium hat sich zweifellos in seiner eigenen Arithmetik verhaspelt, wenn es dennoch behauptet: „Das Bier ist demnach sogar noch ein wenig höher belastet als der Kaffee. Auf keinen Fall wird aber das aus den tropischen Ländern stammende Volksgetränk gegenüber dem heimischen Volksgetränk steuerlich benachteiligt.“ Ich weiß nicht, nach welchem Maß der Ministerialrat ein Glas Bier und eine Tasse Kaffee vergleicht – ich bleibe jedenfalls ein pflichtbewußter Steuerzahler, und trinke zum Frühstück meinen Kaffee! Hermann Riedle