Von René Drommert

Im Pressebüro des „Palais des Festivals“ in Cannes war vor einigen Tagen am Schwarzen Brett ein Schreibmaschinenblatt angeschlagen, mit dem Kritiker gegen einen französischen Beitrag protestierten: gegen den Film „Carambolages“ von Michel Audiard, den man bei uns durch „Ein Taxi nach Tobruk“ und „Ein Affe im Winter“ kennt. Die Journalisten, wurden aufgefordert, durch Unterschrift gegen einen Beitrag zu stimmen, mit dem der französische Film sich lächerlich mache.

Es war nicht zu ersehen, welchen Effekt die Protestierenden sich versprachen. Vielleicht erhofften sie sich eine anders arbeitende Jury im Jahre 1964. Auf das diesjährige (das XVI.) Festival konnte die Erklärung keine praktische Wirkung mehr haben. Der Film war schon gezeigt worden. Allenfalls ging es noch um eine moralische Wirkung. Aber die Moral ist, wie so oft, auch hier schwach. Proteste haben außerdem nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn ganz klar und einfach ausgedrückt wird, wogegen sie sich wenden. Aber dazu ist die Struktur dieses Festivals zu schwammig, und die Revolte wird im übrigen im eigenen Hause gehätschelt: Im kleinen Saal, natürlich außer Konkurrenz, gab es eine „Woche der Filmkritik“ mit Filmen aus vielen Ländern. Da wollte man zeigen, was die Avantgarde zu bieten hat. Daß diese „Gegenbewegung“ von dem Festival-Komitee geduldet wurde, ist, so scheint mir, nicht etwa auf Großzügigkeit und Humor, sondern lediglich auf Verlegenheit zurückzuführen.

Der Stil von Cannes ist der alte, der konventionelle. Bedauerlicherweise ist es auch der Stil der meisten Filme selbst, sogar dann, wenn sie sich nach Inhalt und Form modern geben, als eine Auflehnung gegen eine Welt des bürgerlichen Stumpfsinns und der Uneinsichtigkeit.

Wieder ist mir aufgefallen, wie frisch und angriffslustig die französische Presse dabei verfährt. Sogar die Zeitung Nizza am Morgen (Nice Matin) zaust wacker an den Veranstaltungen herum, von „Lokalpatriotismus“ ist vorbildlich wenig im Spiel – und das immerhin bei einer Veranstaltung, die, neben Venedig und Berlin, zu den erstrangigen Ereignissen in der Welt des Kinos gehört: zu den sogenannten A-Festivals.

Die Kritik schonte auch einen italienischen Beitrag nicht, auf den viele Teilnehmer gehofft hatten, nämlich „Il fidanzati“ („Die Verlobten“) von Ermanno Olmi. Der Film, der mit amüsant-ironischen Ballszenen am Anfang einen hohen Maßstab setzt, erlahmt in kurzer Zeit.