M. W., London, im Mai

Zwischen London und Washington herrscht wieder einmal eine gewisse Kühle: Washington beschuldigt London, den amerikanischen Plan einer „multilateralen, gemischt bemannten nuklearen NATO-Flotte“ insgeheim zu sabotieren. London weist die Beschuldigung entrüstet zurück, beschuldigt aber Washington seinerseits, den englischen Plan einer „interalliierten nuklearen NATO-Streitmacht“ nicht ernst genug zu nehmen.

Wenn in Ottawa nur dieser Plan zur Debatte stünde, dann könnte Macmillan sich und den britischen Wählern – sagen, er sei es gewesen, der das vertrackte Problem der nuklearen NATO-Macht gelöst, die europäischen Sorgen beschwichtigt, die deutschen Wünsche befriedigt habe – und all das, ohne die „Unabhängigkeit der britischen Abschreckung“ aufzugeben.

In Ottawa steht aber auch die multilaterale Streitmacht auf der Tagesordnung, die nach Kennedys Auffassung allein jene radikale Fortentwicklung der atlantischen Verteidigungsgemeinschaft bringen kann, welche in Europa ein echtes Gefühl nuklearer Partnerschaft erzeugen und deutsche Atom-Ambitionen ohne Gefahren für die Bundesrepublik und ihre Alliierten reell befriedigen kann. Kennedy hofft wohl auch, daß der Plan einer multilateralen, gemischt bemannten Atomflotte von 25 Schiffen, die den NATO-Mächten gemeinsam gehören und der Kontrolle der einzelnen Regierungen entzogen sein würden, vielleicht doch Frankreich noch bewegen könnte, dem Wahn seiner eigenen „unabhängigen Abschreckung“ weniger manisch nachzujagen.

Nun behauptet Washington, der schärfste Gegner dieses Planes sei der Chef des britischen Verteidigungsstabes, Lord Mountbatten; und Washington bedauert besonders, daß der greise Winston Churchill jüngst mißbraucht wurde, seinen großen Namen zu einem Aufruf herzugeben, der die Beibehaltung der „unabhängigen britischen Abschreckung“ unter allen Umständen für eine patriotische Pflicht erklärte.

Offiziell weist London solche Vorwürfe zurück: Großbritannien habe den amerikanischen Plan akzeptiert und sei bereit, an ihm teilzunehmen. Weniger offiziell aber wird Skepsis betont – offene Skepsis im Hinblick auf die politische Kontrolle einer solchen gemischten, nuklearen NATO-Macht; weniger offene, aber noch viel größere Skepsis wegen der Kosten, die den parallelen Luxus einer „unabhängigen Abschreckung“ auf die Dauer eben untragbar machen würden. Deshalb wurde der britischen Delegation der Rat auf den Weg nach Ottawa mitgegeben, ihre gemischten Gefühle gegenüber dem gemischten Verband möglichst zu verbergen – dabei aber das Tempo möglichst zu verlangsamen.

Die Regierung steht freilich auch im eigenen Lande unter Druck. Die Aussicht, daß bis zu 40 Prozent der NATO-Atommacht von der Bundesrepublik gestellt und bemannt werden sollen, entzückt niemanden. Und nur 39 Prozent aller Befragten erklärten sich bei einer Meinungsumfrage für die „unabhängige britische Abschreckung“. Sogar die konservative Sunday Times plädiert für die multilaterale Lösung.