Von Walther Weber

Der Besucher stutzt, wenn er den Namen über dem Eingang des führenden Restaurations- und Beherbergungsbetriebes im Salzgitter-Gebiet liest: Gästehaus der Reichswerke. Denn weder das Deutsche Reich, das im Juli 1937 die sauren Erzvorkommen nahe der niedersächsischen Kleinstadt für die deutsche Eisen- und Stahlindustrie nutzbar machen wollte, noch das Unternehmen, das zu diesem Zweck eigens gegründet, fast aus dem Boden gestampft worden war, die Reichswerke Aktiengesellschaft für Erzbergbau und Eisenhütten, auch später Reichswerke Hermann Göring genannt, existieren heute noch.

Die Nachfolger haben das Erbe der Vergangenheit angetreten: Der Bund ist Alleinaktionär der nach dem Zweiten Weltkrieg neugegründeten Salzgitter AG. Sie fungiert heute als Dachgesellschaft der Unternehmensgruppe, die seit Beendigung der Demontage im Jahre 1953 wieder beträchtliche Bedeutung erlangt hat. Zwar besitzt der Konzern nicht mehr die überragende Stellung, die er kurz vor und während des Zweiten Weltkrieges erreichen konnte, als das wirtschaftliche Autarkiestreben groß geschrieben war. Schließlich sind alle früheren Beteiligungen in Österreich, Oberschlesien und der Tschechoslowakei verlorengegangen, und die Belegschaft beträgt heute nur noch knapp ein Fünftel der 420 000 Arbeitskräfte, die bei Kriegsende für die Reichswerke tätig waren.

Dennoch gehört der vertikale Konzern, der sozusagen von unten, vom Bergbau, nach oben, das heißt bis zur Fertigproduktion tätig ist, zu den Größten der Großen im Bundesgebiet. Sein Herzstück liegt nach wie vor im niedersächsischen Zonenrandgebiet, um Salzgitter herum, mit dem Ruhrgebiet durch den Mittellandkanal verbunden. Doch seine Töchter sind über das gesamte Bundesgebiet verteilt, von Berlin bis Recklinghausen, von Kiel bis Amberg. Fast 80 000 Menschen werden beschäftigt, im Vorjahr waren es noch 2300 mehr. Nicht nur die Mitarbeiterzahl, auch die Umsätze waren 1962 rückläufig. Sie sanken von 3,19 auf 3,02 Milliarden DM (zum Vergleich: Umsatz des Volkswagenwerkes = 6,4 Milliarden, Fried. Krupp einschließlich Beteiligungen 5,2 Mrd. DM bei 111 000 Beschäftigten).

Die Investitionen dagegen nahmen weiter zu. Sie erreichten 352 nach 319 Mill. DM. Seit der Währungsreform sind vom Konzern nunmehr 3,1 Mrd. DM „angelegt“ worden, die zwar zu 61 % aus eigenen Mitteln, im wesentlichen über Abschreibungen und Sonderabschreibungen, finanziert werden konnten, aber auch zu einer beträchtlichen Verschuldung bei Banken führten und 1962 eine Zinslast von netto 55 Mill. DM verursachten.

Der Bund erhielt dieses Mal keine Dividende, nachdem er von 1958 bis 1961 bescheidene Ausschüttungen von 5 bis 7 % kassieren durfte. Doch lassen wir die Finanzierungsfragen einmal außer acht. Versuchen wir, uns mit Hilfe des Schaubildes einen Überblick über den Konzern zu verschaffen.

Das Schwergewicht der Tätigkeit der Salzgitter-Gruppe liegt nach wie vor auf dem Bergbau und der eisenschaffenden Industrie, die etwa die Hälfte des Gesamtumsatzes auf sich vereinigen. Die weiterverarbeitenden Bereiche – der Schiffbau, der Maschinen- und Waggonbau sowie die übrigen Geschäftszweige gewinnen jedoch ständig an Bedeutung. Einige dieser Unternehmen sind dem Konzern erst nach dem Zweiten Weltkrieg vom Bund zugewiesen worden, so die Kieler Howaldtswerke AG, die Borsig AG in Berlin, die Deutsche Industriewerke AG in Berlin, die Norddeutsche Chemische Werke GmbH in Hannover sowie die Kanal-Verkehr AG in Duisburg.