Die Gäste unserer Tage werden anspruchsvoller, so klagen die Wirte. Wer bisher ein Zimmer mit Dusche zu mieten gewohnt war, will jetzt eines mit einer Badewanne. Und mehr und mehr Mieter dieser Zimmer mit Wannenbädern wünschen sich, in den Wannen auch schwimmen zu können. Dieser Druck veranlaßte schon etliche Hoteliers in etlichen Ländern in ihren Häusern ein Schwimmbassin unterzubringen – im Keller, auf dem Dach, in einem Anbau oder wo immer Raum ist.

Dieses Wasserreservoir im Hotel soll natürlich bequem zu erreichen sein. Möglichst, so wünschen auch nicht im Gelde schwimmende Quartiernehmer, soll der Etagenfahrstuhl gleich am Bassinrand enden. Diese Wünsche müssen bereits erhebliches Gewicht haben. Nicht umsonst lassen sich immer mehr der mit Mark und Dollar und mit der Butter grammweise rechnenden Vermieter zu so erheblichen Investitionen hinreißen, wie sie der Einbau eines mit Warmwasser gefüllten Riesenbehälters erfordert.

Eines dieser schritthaltenden Hotels steht in Bad Wiesbaden. Schon im Fahrstuhl fand der Reisende gelbe Faltblätter, mit denen der Hausherr kundtut, daß bei ihm noch bis in den Abend hinein ins wohligwarme Quellwasser gesprungen werden könne. In seinem Hause sei immer Badesaison. Fast jeder zweite Ankommende läßt sich dieses Vergnügen auch nicht entgehen. Neben der Bar ist die Schwimmhalle zum Treffpunkt der Hausgäste geworden.

Die Einrichtung ist hier und ist auch in anderen Ländern nicht einmal neu. Erst kürzlich schwamm sich der Reisende die von der Atlantikfahrt mitgebrachte Salzkruste im „Paris“ mitten in New York vom Leibe. In Miami vergnügte er sich damit, durch große Glasfenster zuzusehen, wie andere und vor allem ansehnliche Nixen (vom Hotel offenbar engagiert) ihr Mütchen wasserkühlten. Ein Hotelschwimmbad mit Schaufenstern. Auf diesen attraktiven Dreh kamen die Europäer bisher nicht. Aber sie schufen etwas Ähnliches und vielleicht Hübscheres.

In Seefeld in Tirol zum Beispiel kann man vom Hotelbassin aus durch große Fenster die Berglandschaft bewundern. In Villach in Kärnten plätschern die Bassinfluten so smaragdgrün, als kämen sie just aus den Forellenrevieren. Gastgeber von Baden bei Wien bauten ein überdachtes Wassersportbecken, um von den Wettermachern unabhängig zu sein. Sie gewannen durch ihren Einsatz: Seither ist ihre Saison „ganzjährig“, seither machen vorübergondelnde Geschäftsreisende auch den Freitag zum Sonntag.

Einfallsreicher als die Wirte in Miami ist ein Hotel in Bad Mergentheim: Es lockt mit Weitblick. Hier ist die Schwimmhalle im Obergeschoß eines Turmanbaues, mit einem Dachgarten und mit Fernsicht verbunden.

Schon jetzt gibt es allein in der Bundesrepublik ein gutes Dutzend Quartierhäuser, zu denen auch Kurhäuser gehören, die das Spiel mit dem Badewasser wagten. Auch ihre Gäste dürfen jetzt ans Schwimmen denken, als sei alle Tage August. Diese Hotelbäder liegen in: Barsinghausen im Kreis Hannover, Nordenau im Hochsauerland, Wiesbaden, Bad Mergentheim, Herrenalb bei Calw, Bärental im Feldberggebiet (Schwarzwald), Höchenschwand bei Waldshut, Oberjoch im Allgäu, Kreuth in Oberbayern, Safferstetten in Bayern.

Diese Aufzählung ist gewiß nicht vollständig; vielleicht entstanden weitere Gasthäuser mit Wasserspielen. Größer ist zum Beispiel die Zahl der Hotels, die in der Nähe von Hallenbädern liegen, und die, die ein Schwimmbad im Freien eingerichtet haben. Schon nehmen sich die Reiseführer dieser neuen Entwicklung an. Dazu gehört der unbestechliche Hotelkatalog „Varta-Führer durch Deutschland“. Wer ihn auf Reisen mit sich führt, muß nicht mehr ungeschwommen baden gehen. Ermano Höpner