Washington, im Mai

Die Amerikaner gehen absichtsvoll bescheiden nach Ottawa. Das Verteidigungsbündnis soll gestärkt werden – aber Washington verspricht sich zur Zeit bessere Erfolge, wenn das unauffällig geschieht. Die „interalliierte Atomstreitmacht“ soll daher zwar aus der Taufe gehoben werden, doch wird man mit Rücksicht auf die Franzosen darauf verzichten, dem Kind einen Namen zu geben.

Praktisch wird diese NATO-Atomstreitmacht zunächst aus drei amerikanischen Polaris-U-Booten im Mittelmeer und aus ungefähr 180 britischen U-Bombern bestehen. Hinzu kommen Jagdbomber der deutschen Bundeswehr und auch der französischen Luftwaffe, die im Ernstfalle mit amerikanischen Atomwaffen bestückt werden, und taktische Atomwaffen. Italien, Belgien und andere NATO-Länder können sich beteiligen. Die Streitmacht wird dem Oberkommando der NATO in Paris angegliedert; dem US-General Lemnitzer soll zu diesem Zweck ein europäischer General – man denkt an einen Holländer – beigegeben werden.

Niemand verkennt in Washington, daß dies lediglich eine Umgruppierung und keine Neuaufstellung ist. Washington hofft aber, daß diese Zusammenfassung des atomaren Arsenals den europäischen Wünschen nach einer Abschreckungsmacht in Europa selbst entgegenkommt. Die Amerikaner möchten, daß die interalliierte Streitmacht ohne Abstimmung vom Ministerrat der NATO beschlossen wird. Dadurch würde es den Franzosen erspart, sich ausdrücklich zu einer Formel zu bekennen, die im Grunde der Konzeption de Gaulles widerspricht.

Im übrigen hält Washington weiterhin an den Plänen für eine „multilaterale Atomstreitmacht“ fest. Mit deutscher Zustimmung ist dabei an eine Flotte von polaris-bestückten Überwasserschiffen gedacht, deren Besatzungen aus verschiedenen NATO-Nationen kommen und die vollständige Integration der gemeinsamen Verteidigung symbolisieren. Mit dieser multilateralen Streitmacht werden sich die Minister in Ottawa wohl noch nicht befassen, da sie zu offensichtlich den französischen Plänen zuwiderläuft. Es besteht auch noch zuwenig Klarheit darüber, welche Kosten entstünden, und wie sie verteilt werden sollen.

Der Ministerrat der NATO wird nicht nur über Atomwaffen verhandeln. Dringende Probleme des Nachschubs müssen geklärt werden; die Neunzig- oder Dreißig-Tage-Planung steht hier im Vordergrund. Die Amerikaner erwarten, daß besonders von deutscher Seite das Thema „Vorwärts-Verteidigung“ zur Sprache gebracht wird. Wie kann man einen Angriff des Ostblocks so frühzeitig stoppen, daß das schmale Gebiet der Bundesrepublik Deutschland nicht preisgegeben werden muß? Man erwartet in der amerikanischen Hauptstadt für Ottawa einen intensiven deutsch-amerikanischen Dialog. Thilo Koch