Von Werner Ross

Der Wahlkampf war vor allem eine Sache der Straßenkehrer. Wie schmutziger Schnee lagen die Flugzettel mit den Namen der Kandidaten auf Straßen und Plätzen. Sie wurden aus fahrenden Autos herausgeworfen, flatterten aus Flugzeugen und Hubschraubern nieder; seltenwurden sie „von Hand“ verteilt. Niemanden habe ich sich danach bücken sehen. Auf Autos montierte Lautsprecher mischten eine neue krächzende Note in das dissonante Straßenkonzert. Wer hätte sich die Mühe gemacht, die plärrende Melodie aus dem Pauschallärm wieder herauszuklauben? Die roten und blauen Spruchbänder „Vota Democrazia Cristiana“, „Vota Sozialismo“, „Vota Comunismo“ löschten einander aus. Zahnpastafirmen hätten sich nicht eintöniger bekriegen können.

Die alte Form des Wahlkampfes, die Volksversammlung auf freiem Platz, ist fast ausgestorben. Um den Verkäufer eines neuen Putzmittels sammeln sich mehr Menschen als um den Parteiredner, der die Reformen Fanfanis preist. Es sei denn, es handle sich um ein „pezzo grosso“ (ein großes Tier). Das dachte sich ein listiger Parteimann der Monarchisten zunutze zu machen. Sein „Comizio“ war um sechs Uhr angesetzt, das des Verteidigungsministers Andreotti um sieben. Als der Platz sich vor sieben mit Andreotti-Anhängern zu füllen begann, trat der Monarchist an den Lautsprecher. Aber die „Democristiani“ ließen sich nicht übertölpeln. Es gab Prügel und Polizei. Ordnung muß sein.

Die Italienliebhaber beklagen sich, daß das alte pittoreske Italien zum Aussterben verurteilt sei. Die Leute sitzen gesittet vor dem Fernsehapparat, wenn in der Sendung „Tribuna Politica“ die Parteibosse sich der verfänglichen Fragen der Journalisten zu erwehren suchen. Die Massenparteien triumphieren. Togliatti regiert seine Kommunisten wie ein strenger Schullehrer. Auch die „Democrazia Cristiana“ ist ohne Glanz. Fanfani ist klein von Figur und wird von den Gegnern als „Dackel“ verunglimpft. Die letzte abenteuerliche Figur der italienischen Politik flog kürzlich aus dem Stadtrat von Rom: Ernesto Brivio, von den Anhängern „die letzte Salve“ genannt, Faschist, Freund Mussolinis, Millionär und – was das Wichtigste ist – Präsident des Fußballvereins „Lazio“.

„Schauen Sie meine Kinnladen an!“ sagte Brivio einer Journalistin, die ihn interviewte. „Könnte ich mit so ’ner Kinnlade ein Liberaler sein?“ Brivio hatte die übliche Südamerikatour der Nazis und Faschisten gemacht, war zum Busenfreund Batistas aufgestiegen, soll auch mit Gangstern dunkle Geschäfte gemacht haben und warf, zurückgekehrt, hundert Millionen Lire in die römischen Gemeindewahlen. Sein magnetisches Auge blickte von allen Häuserwänden. Mit 30 000 Vorzugsstimmen zog er als Sieger ins Stadtparlament. Aber die Zeiten für Kinnladen sind vorbei. Als er sich nicht mehr anders zu helfen wußte, erfand er ein Attentat gegen sich selbst. Mit einer Schußwunde am kleinen Finger wurde er ins Krankenhaus eingeliefert. Dann wuchsen ihm die Millionen über den Kopf, die Wechsel überschwemmten ihn. Nun ist er in der Versenkung verschwunden.

Es ist nicht zu leugnen: Italien ist erwachsen geworden. Die geistige Auseinandersetzung und die Machtprobe der großen Kräfte des Jahrhunderts sind in vollem Gange. Äußerlich sieht es so aus, als ginge es um die Partie zwischen dem Altfränkischen und Amerika, zwischen den Vatersitten und der modernen Organisation, oder – politisch gesehen – zwischen Kirche und Kommunistischer Partei. Gewiß trifft dies bis zu einem gewissen Grade zu; nirgendwo lassen sich Zusammenstoß und seltsame Formen der Symbiose so studieren wie hier, wo der Angestellte am Morgen in der blitzend „funktionalen“ Bar seinen Espresso trinkt, seine „Seicento“ neben hundert andere im letzten freien Winkel parkt und dann in einem Büro untertaucht, in dem noch alle Geister Kafkas spuken. Aber viel interessanter ist der geistige Prozeß, die allgemeine Aufgewühltheit. Die Ideen werden so gründlich umgerührt, daß die Gegensätze ineinander überfließen. Eine neue Schicht von „Intellektuellen“, die sich sehr gründlich von den französischen und deutschen Kollegen unterscheidet, ist nach vorn gerückt. Sie sind nicht so scharfsinnig wie jene, aber phantasievoller; sie ersetzen Esprit durch Vitalität, und sie wuchern noch mit dem Kapital, das Italien seit jeher anvertraut ist: der Menschlichkeit. Sie schreiben lieber Erzählungen als Essays, ihre Stärke liegt mehr in Bildern als in Begriffen.

Darum ist der Film ihr Experimentierfeld und ihr Königreich. Was für ein Irrtum, ihr Erfolg erkläre sich durch staatliche Protektion! Der Staat fördert den Export, die Filmindustrie, aber er kann das gebildete Bürgertum nicht dazu inspirieren, die Sache des Films zur seinen zu machen. Wo irgendwo etwas Kräftiges wächst, braucht es weder die Höhenluft des l’art pour l’art noch den goldenen Regen des Massenerfolgs. So hat einmal die italienische Oper gesiegt, als ihre Stunde kam.