J. K., Paris, im Mai

Die französische Regierung verabreicht inflationsbekämpfende Mittel in kleinen Dosen – teils aus innenpolitischen Gründen, teils weil sie glaubt, es brenne im Hause noch nicht. Man will den Landsleuten nicht weh tun, die Prosperität soll erhalten werden, die Expansion der Wirtschaft sichergestellt werden – „unter Wahrung der inneren Finanz- und Preisstabilität“, fügte Finanzminister Giscard d’Estaing kürzlich hinzu.

Der Finanzminister behauptet, daß Frankreich gegenwärtig nicht in der Inflation lebe, sondern daß lediglich Inflationsgefahr bestünde, aber wer will genau feststellen können, wo die Inflation beginnt. Nennen wir es so: Frankreich lebt in einem fortgeschrittenen Vorinflationsstadium.

Die französische Regierung hat es bisher nicht für notwendig und nicht für politisch vertretbar gehalten, die Wirtschaft einer neuen Roßkur wie im Jahr 1958 zu unterziehen. Seit Beginn des Jahres wurde eine Reihe kredit- und preispolitischer Maßnahmen ergriffen, um die Kreditausweitung und die Preissteigerungen einzudämmen. Der Abschöpfung überflüssigen Geldes dient eine staatliche Anleihe in Höhe von einer Milliarde Franc. Außerdem ist der Mindestreservesatz der Banken von 35 % auf 36 % erhöht worden. Ob dadurch die Geldliquidität verringert und die Nachfrage nach Konsumgütern eingedämmt wird, ist eine andere Frage. Denn gleichzeitig sind die staatlichen Löhne um durchschnittlich 5 % erhöht worden, und in der Privatindustrie ist man von einem Lohnstopp weit entfernt.

Die staatliche Bekämpfung der Preissteigerung bestand bisher in der Hauptsache aus einer Blockierung einiger Preise und Handelsspannen sowie in einer um zwei Monate vorverlegten Reduzierung der EWG-Zölle um 10 %.

Bisher hat noch keine französische Regierung mit Preismanipulationen Glück gehabt. Die Wirkung derartiger Maßnahmen verpufft in der Regel sehr rasch. Wie in den meisten anderen europäischen Ländern gehen die Preissteigerungen hauptsächlich von den Lebensmitteln aus, da sich die Regierung eine Erhöhung des Einkommens der Landwirtschaft zur Aufgabe gestellt hat. Die Erzeugerpreise steigen somit. Die Staatsausgaben steigen ebenfalls. In diesem Jahr werden es mindestens 10 % bis 12 % sein, während das Nationalprodukt um höchstens 5 % bis 6 %, die Produktivität sogar um 3 % bis 4 % steigen werden. Dem Steuerzahler wird diese Rechnung ebenfalls in kleinen Dosen präsentiert. Eine erste Rate wird jetzt im Mai fällig, eine zweite Rate soll Ende Juli und eine dritte im Spätherbst präsentiert werden. Im ganzen sind fünf bis sechs Milliarden Franc zusätzlicher Staatsausgaben zu bezahlen: 2,2 Mrd. Franc sofort, weitere 2 Mrd. Franc im Sommer, sozusagen als Feriengeschenk, und der Rest gegen Ende des Jahres.

Durch Steuererhöhungen sollen sofort 800 Mill. Franc aufgebracht werden. In einigen Wochen werden die Personentarife der Eisenbahnen um 15 % bis 18 %, die Warentarife um 2,5 %, die Strompreise um 7 % erhöht werden. Dagegen sollen die Gaspreise um 3 % bis 5 % gesenkt werden. Man erwartet davon zusätzlich 600 Mill. Franc Einnahmen für diese staatlichen Dienstleistungsunternehmen, um die sich das Defizit verringern würde.

Die französischen Währungsreserven sind in den ersten vier Monaten dieses Jahres um über 400 Mill. Dollar auf 4,05 Mrd. Dollar gestiegen. Frankreich besaß noch nie ein so dickes Devisenpolster wie gegenwärtig. Um es zu behalten, wird es aber wahrscheinlich viel energischerer Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Stabilität bedürfen. Vermutlich wird man die Dinge in diesem Jahr nach dem vorgezeichneten Schema laufen lassen. Im nächsten Jahr kann man dann weiter sehen und sich gegebenenfalls entschließen, einen Pinay, Rueff oder Baumgartner zu einer gründlicheren Sanierungsaktion zu rufen.