Der Verband Deutscher Reeder veröffentlichte Ende der vergangenen Woche – als die marktbestimmenden Getreidefrachten den höchsten Stand seit der Suez-Krise erreicht hatten – eine Denkschrift zur Lage der deutschen Seeschiffahrt. Diese Denkschrift soll, so heißt es wörtlich, ein Bild der gegenwärtigen Gestalt der deutschen Handelsschiffahrt geben, ihre Lage als nationaler Wirtschaftszweig und als internationaler Verkehrsträger schildern. Sie soll schließlich darlegen, welche Maßnahmen für erforderlich erachtet werden, um nicht nur die Fortexistenz, sondern auch die Weiterentwicklung der deutschen Handelsschifffahrt zu sichern.

Zusammen mit dem statistischen Anhang umfaßt diese Publikation 38 Seiten. Von der Struktur über die augenblickliche Lage führt der Inhalt zur Zukunft der deutschen Seeschiffahrt. Es könnte der Eindruck einer willkürlichen Auswahl entstehen, wenn in einem Kommentar nur bestimmte Punkte herausgegriffen werden. Andererseits muß sich der Verband Deutscher Reeder darüber klar sein, daß er sich mit der von ihm getroffenen Auswahl und der von ihm selbst nicht vollständig wiedergegebenen Aufstellung staatlicher Hilfsmaßnahmen zu seinem eigenen Nutzen leicht der Kritik aussetzt.

Der dritte Teil der Denkschrift beginnt mit den Sätzen:

„Die Unternehmen der deutschen Seeschiffahrt machen aus sich selbst heraus außerordentliche Anstrengungen, um die Situation, in der sie sich gegenwärtig befinden, zu meistern. Diese Situation ist jedoch in erster Linie die Folge der wettbewerblichen Ausgangslage der deutschen Handelsflotte. Die Wettbewerbslage ist zunächst stark vorbelastet durch den vollständigen Wiederaufbau der Flotte nach dem letzten Kriege. Außerdem gibt es, wie geschildert, heute praktisch keine Handelsflotte mehr in der Welt, die nicht in dieser oder jener Form staatliche Förderung genießt. Deshalb reichen die privaten Anstrengungen der deutschen Reeder nicht aus, um der Situation Herr zu werden. Die deutschen Reeder sind auf staatliche Maßnahmen angewiesen

Diese Formulierungen sind eine sonderbare Mischung von teils zutreffenden Sachverhalten und teils Simplifikationen. Wenn man an Stelle von Seeschiffahrt und Handelsflotte nur die Wörter Schiffbauindustrie und Werften setzte, könnten diese Sätze auch in einer Denkschrift des Verbandes der Schiffswerften stehen.

An der Denkschrift scheint zu stören, daß zwischen deutschen Reedereien nicht genügend differenziert wird. Bestimmte deutsche Schiffahrtsgesellschaften haben eine Dividende zahlen können und werden es auch in diesem Jahr wieder tun.

Für einen Außenstehenden auffällig ist das Fehlen eines seit Jahren geforderten Punktes, der Streichung der Gewerbesteuer. Um die Denkschrift in diesem Punkte zu ergänzen: Sogar der Hamburger Finanzsenator Dr. Weichmann hat sich jetzt nachgiebig gezeigt und ist bereit, auf rund 7 Millionen DM zugunsten seiner hamburgischen Reedereien zu verzichten.