Fürsorglich wurde an die Zuschauer Ohropax verteilt. Dann begann es: Die Düsentriebwerke des Flugzeugs schwenkten nach oben, so daß sie aussahen wie zwei Schornsteine an den Tragflächenenden, fauchend peitschte der heiße Luftstrom die Regenpfützen auf der Betonbahn und zerstäubte das Wasser, der Lärm schwoll zu einem Donnergetöse an, und langsam hob sich das rund 12 Tonnen schwere Flugzeug senkrecht in die Luft, zwanzig, dreißig Meter. Es „stand“ und balancierte auf den Luftstrahlen, welche die sechs Düsentriebwerke senkrecht nach unten bliesen.

In Manching, der Erprobungsstelle der deutschen Luftwaffe, herrschte eitel Freude. Das erste deutsche Experimentierflugzeug für den Senkrechtstart, die VJ 101 C X-1, hatte in aller Öffentlichkeit demonstriert, daß es sich wie vorherberechnet vom Boden erhebt. Nach den Engländern und Franzosen können nun auch die Deutschen mitreden bei der Entwicklung der nächsten Flugzeuggeneration.

Es war Wohl auch der Sinn der eilig zusammengetrommelten Pressekonferenz mit Flugvorführung, diesen Anspruch zum Mitreden anzumelden, zu zeigen, daß die deutschen Konstrukteure den Anschluß an das internationale Niveau wieder erreicht haben.

Der Wunsch, sich mit einem Flugzeug senkrecht in die Luft zu erheben, ist fast so alt wie die Fliegerei. Doch erst Mitte der dreißiger Jahre gelang es dem Bremer Heinrich Focke, einen gebrauchsfähigen Senkrechtstarter, einen Hubschrauber, zu konstruieren, mit dem die Pilotin Hanna Reitsch über die Köpfe einer staunenden Menge in der Berliner Deutschlandhalle spazierenflog.

Doch die Verwendung des Hubschraubers muß wegen dessen geringer Geschwindigkeit auf Sonderaufgaben beschränkt bleiben. Das normale Flugzeug startete wie eh und je, indem es auf der Startbahn so lange rollt, bis es genügend Geschwindigkeit zum Abheben und Fliegen hat. Und je schneller und schwerer die Flugzeuge wurden, desto länger mußten die Startbahnen werden, drei und vier Kilometer lange Betonstreifen.

Den Militärs machte diese Entwicklung Sorge. Startbahnen sind leicht verletzlich, und wie sollten dann im Ernstfall Jagdflugzeuge zum Einsatz gebracht werden? Die Luftwaffe war es, die der Flugzeugindustrie die neue Aufgabe stellte: Baut uns Maschinen, welche die Leistungen der heute vorhandenen Einsatzflugzeuge erreichen, jedoch senkrecht starten können, damit wir auf die empfindlichen Flugplatzanlagen verzichten können.

In drei europäischen Ländern machte man sich an die Arbeit, und so entstanden drei verschiedene Flugzeuge. Die jüngste Konstruktion, das deutsche Versuchsflugzeug VJ 101, das seit April in Manching seine ersten Luftsprünge macht, hat Schwenktriebwerke. Sie stehen beim Start senkrecht, und der auf den Boden gerichtete Luftstrahl hebt das Flugzeug. Zum Horizontalflug werden die Triebwerke geschwenkt, so daß sie waagerecht stehen und der nach hinten austretende Luftstrahl das Flugzeug vorwärtstreibt. Allerdings sind zur Unterstützung beim Start noch zwei zusätzliche Senkrechttriebwerke in den Rumpf eingebaut, die beim Horizontalflug abgeschaltet werden.