RECKLINGHAUSEN (Ruhrfestspiele):

„Kabale und Liebe“ von Friedrich Schiller

Dieeinzige Eigeninszenierung der 17. Ruhrfestspiele war so eigenwillig wie (bis zur Pause) bewegend. Wiederhergestellt wurde durch den Regisseur Willi Schmidt (Berlin) die ursprüngliche „Luise Millerin“. Man könnte die Inszenierung auch Schillers „Romeo und Julia“ nennen. Schon in ihrer ersten Szene mit Ferdinand kennzeichnet Lieselotte Rau, fast eine Hysterikerin des Gefühls, ihre Liebe als eine Tragödie. Auf der Höhe dieser Schicksalstragödie „Liebe“ steht auch Rosel Schaefer, als ihre Lady Milford begreift, daß hier drei Leben zerstört werden. Was dieser elementaren Schauspielerin im übrigen zur Salondame fehlt, überbrückt die immer wieder bewundernswerte Regie. Als dritter Liebender von Gewicht wird der Sekretär Wurm sichtbar. Hannes Messemer dürfte der unkonventionellste Wurm geworden sein. Als „Komplice“ macht er vor dem Präsidenten nur formell noch Bücklinge. Seine sogar in der Kabale spürbare Liebe bietet Luise die einzige Alternative, zu überleben, als die Tragödin des jungen Schiller eingesehen hat, daß ihre eigene Liebe zu Ferdinand „die Fugen der Bürgerwelt auseinandertreiben würde“.Durch Schmidts Regie und Messemers Genie wird der realistische Gegenspieler aufgewertet. Als hoffnungsloser Schwärmer erscheint dagegen Ferdinand: Helmut Griem, ein guter Schiller-Sprecher. Der vierte und fünfte Akt fällt in der 3 3/4Stündigen Vorstellung denn auch ab, zumal im Rahmen von Schmidts verdienstlicher Neudeutung Schillerscher Frauengestalten Griem das gegenläufige Ferdinand-Drama (tragische Ironie des Mißverstehens) schauspielerisch nicht mehr bewältigt. Klar umrissene Leistungen bieten Hans Nielsen (Präsident), Hans Heßling und Edith Schultze-Westrum (Ehepaar Miller ohne genrehafte Betulichkeit), Bruno Hühner (ein Kammerdiener ohne Hübner-Bibber), Friedel Bauschulte (Hofmarschall). Das soziale Drama des 18. Jahrhunderts – heute Bildungstheater – wurde auch vom Szenen- und Kostümbildner Willi Schmidt auf „Sturm und Drang“ reduziert. Als Klassiker-Neusicht: eine Sternstunde der Ruhrfestspiele.

STUTTGART (Großes Haus):

„Maria Stuart“, Oper von Gaetano Donizetti

1834 in Neapel uraufgeführt, 1958 in Bergamo wieder hervorgeholt, errang diese tragische Oper des sonst so heiteren Komponisten jetzt in der deutschen Fassung und Inszenierung von Ernst Poettgen einen fast sensationellen Aufführungserfolg. „Es gab Getrampel und begeisterte Zurufe, zunächst für Josef Traxel (Leicester), dann für Grace Hoffmann als Königin Elisabeth, für Marcel Cordes (Burleigh), für Maria Kouba in der Titelrolle und schließlich für das ganze Ensemble.“ Dem Kritiker der Stuttgarter Leitung Friedrich Hommel erscheinen die stürmischen Ovationen, obwohl „um einige Grade zu enthusiastisch“, doch „gerechtfertigt durch das besondere Ereignis, ein beachtliches Werk der Vergessenheit entrissen zu haben“. Nach Kenntnisnahme dieses musikalischen Eifersuchtsdramas, das der Librettist Badari weit von Schiller in die englische Gruselhistorie entfernt hat, sei „das Mißgeschick Donizettis, daß er meist nur als Bindeglied wenig selbständiger Prägung zwischen Rossini und Verdi angesehen wird,... zu revidieren“. K. H. Ruppel äußert sich in der Süddeutschen Zeitung skeptischer über die formale Eigenständigkeit dieses ernsten Donizetti: „Es gibt Nummern, die nichts sind als reine Anwendung gängiger Formeln, geprägt freilich von einer melodischen Erfindungsgabe erster Ordnung.“ Zur dramaturgischen Verspannung der Belcanto-Oper hat Poettgen eine Tenorkavatine und eine Rachearie für Bariton aus Donizettis sechs Jahre späterem „Poliuto“ eingefügt. Im Streben nach „großer dekorativer Wirkung“ wurde der Regisseur durch die Bühnenbilder von Leni Bauer-Ecsy unterstützt. Musikalische Leitung: Josef Dünnwald. Jac

MÜNCHEN (Theater am Gärtnerplatz):