Sobald die untergehende Sonne wie eine rotgelbe Feuerkugel fern am Horizont aufleuchtet, dröhnen im Busch Haitis die Trommeln, beginnt der ekstatische Tanz der Eingeborenen: Es ist die Stunde des Wodu. Die schwarze Messe, der Hexensabbat hat begonnen. Bald verfallen die Tänzer in einen Trancezustand, bewegen zuckend ihre Arme und Beine. Sie sind der Zauberei verfallen und lauschen, entrückt von der Wirklichkeit, den Weissagungen des "Papa", des höchsten Gottes der haitanischen Staatsreligion. Ihm allein bleibt nichts verborgen, nur er hat die Gabe, Vergangenes, Gegenwärtiges, Zukünftiges zu deuten. Er ist der Allmächtige, Allwissende. Er hat selbst Teufel in seiner Hand.

Schon am Hafen von Port-au-Prince, der Hauptstadt Haitis, erfährt der Fremde, der die karibische Insel aufsucht, wer der Allmächtige, Allwissende in dieser mittelamerikanischen Negerrepublik ist. "Es lebe der Friedensstifter Duvalier" künden die Neonlichter. Und auf Transparenten in den Straßen der Metropole stehen die Worte: "Duvalier oder der Tod."

Ehe noch François Leon Duvalier, den die einen als ihren Gott verehren, die anderen als den Herren des Schreckens fürchten, 1957 auf Haiti die Macht antrat, hatte er den Kult des Wodu studiert. In den Jahren, die seiner Wahl zum Präsidenten folgten und in denen er sich zum Diktator aufschwang, haben ihm seine Kenntnisse dieses Dämonenfetischismus stets gute Dienste geleistet: "Papa Doc", wie ihn seine Anhänger und Untertanen voller Angst und Ehrfurcht nennen, ist selber zu einem Schutzgeist geworden – wenn auch zu einem Gott, der mit Schwert, Knute und der Maschinenpistole herrscht.

Was Duvalier, Haitis schwarzer Herodes, unter Herrschen, Regieren, Verwalten versteht, wie er ohne zu Zaudern seine Macht gnadenlos gebraucht, demonstrierte er von neuem in den vergangenen Wochen: 22 Haitianer, Gegner seines Regimes, hatten in dem Botschaftsgebäude der Dominikanischen Republik, dem Nachbarstaat auf der Insel, Zuflucht gefunden. Sofort beorderte Duvalier seine Polizisten zur Botschaft, um der Flüchtlinge habhaft zu werden. Anlaß für diesen Befehl war ein mißlungener Anschlag auf seine Kinder. Er wollte Rache nehmen.

Daß er dabei diplomatisches Recht einfach über den Haufen warf, fast einen militärischen Konflikt mit den Truppen des dominikanischen Präsidenten Juan Bosch vom Zaune brach, Washington zwang, Kriegsschiffe zum Schutz der in Haiti lebenden Amerikaner in den Golf von Gonaives zu schicken und die diplomatischen Kontakte abzubrechen, sich mit der UNO und der Organisation der amerikanischen Staaten (OAS) anlegte – dies alles scherte "Papa Doc" keinen Deut. Hunderte von Amerikanern wurden evakuiert, das Weiße Haus kündigte den Stopp der Hilfsgelder an. Aber in den Straßen der Städte und Dörfer von Haiti patrouilliert noch heute Duvaliers Gestapo, eine uniformierte, schwer bewaffnete Bande von Totschlägern und Geheimpolizisten, die Jagd auf die Feinde des Präsidenten machen.

Und das vorläufige Resultat dieser Krise, die zumal den Beamten im State Department – aus Furcht vor einem neuen "kubanischen Abenteuer", einer Intervention amerikanischer "Ledernacken" – schlaflose Nächte bereitete: Die Widersacher verkrochen sich, einige unliebsame Störenfriede wurden hinter Schloß und Riegel gebracht, François Duvalier aber wählte sich selber, vor einer begeisterten Menschenmenge, für weitere sechs Jahre zum Präsidenten seiner Republik: "Lang lebe der große Doc!"

Anschläge, Terror, Gewalt – das alles ist für Haiti nichts Neues, nichts Außergewöhnliches. Die Geschichte dieses Negerstaates ist eine Geschichte blutiger Tyrannei, grausamer Morde, gelungener und fehlgeschlagener Rebellionen. Und so schrecklich die Ereignisse waren, die sich in den letzten Jahrzehnten – seit dem Regiment des Kaiser Dessalines – auf der Insel abspielten, so furchterregend waren auch ihre Triumphatoren. Duvalier hat seine Vorbilder, die er getreu nachahmt. Heute kann er den zweifelhaften Ruhm für sich in Anspruch nehmen, "der gefürchtetste und grausamste Tyrann dieses Jahrhunderts" zu sein.