J. M-M:

Einem Reserveoffizier, – der die Absicht hätte, Berufsoffizier zu werden, wurde unlängst von allerhöchster Stelle bedeutet, dies sei nicht möglich. Die allerhöchste Stelle war der Herr Bundespräsident, und der Grund der Ablehnung war ein Ehescheidungsverfahren: Ein schuldig geschiedener Ehemann ist nicht würdig, Major der Bundeswehr zu werden.

Natürlich hat der Herr Bundespräsident hier nicht aus eigener Initiative gehandelt; die Führungsinstanzen der Bundeswehr hatten die Entscheidung vorbereitet.

Mühelos erkennt man das moralische Prinzip: Ein Offizier – und gar einer, der Anwartschaft auf die höhere Laufbahn erhebt – hat Vorbild zu sein. Möglichst stehe er auf einem festgefügten Fundament, auf dem kein „Klatsch“ ihn beschmutzen kann. Schlecht verlangt einer, der andere führen soll, im Prinzip Treue zum Vaterland, der es im privaten Bereich an Treue hat fehlen lassen. Mühelos stellt sich Bereitschaft ein, dem Herrn Bundespräsidenten zuzustimmen. Die Welt wird klarer, sauberer. Eine schöne, deutliche Richttafel wurde aufgestellt. Ehebrecher können werden, was sie wollen – bloß nicht Offizier.

Aber das hübsche, saubere „Bravo“ – mir bleibt’s im Halse stecken. Ich möchte es ausstoßen, das höhere „Hurra“; ich kann’s nicht.

Es kommt vor, daß ein Herr Generaldirektor die süße Sekretärin heiratet, der Filmstar die junge Beauty verführt, der Diplomat sich in erotische Abenteuer mit einer nymphomanen Duchess einläßt. Man könnte daraus schließen, daß ein höherer Offizier diesen in „höheren Ebenen“ nicht ungewöhnlichen Praktiken nacheifern dürfe.

Um Gotteswillen! Ein moralisch einwandfreier Offizier ist in jedem Falle einem Manne vorzuziehen, der seinen privaten Schwierigkeiten leider nicht gewachsen war. Aber wird im Falle des abgelehnten Offiziers nicht ein Drama – mag es eine Tragödie oder Komödie sein – in seiner Bedeutung übertrieben? Wird hier nicht der Einzelfall generalisiert? Wird hier nicht wieder einmal „Standesehre“ statuiert, comme un rocher de bronce, wie auf gut Deutsch unser großer Friedrich zu sagen pflegte? Liegt hier nicht wieder ein Symptom dafür vor, daß unser Offizier-Korps heute Sonderforderungen stellt, aus denen morgen Sonderehren und übermorgen Sonderrechte werden? Und wo bleibt das Ideal, des „Bürgers „in Uniform“?

Ach, wie fröhlich war’s im Kasino, als wir ganz harmlos aus zierlichen Pistolen auf kleine Glühbirnen schossen. Generaldirektoren, Filmstars und Diplomaten tun das nicht. Ha’m alt keene Ehre...