Von Wülfing Leonhard

Endlich soll es nun soweit sein: die seit langem angekündigten sowjetisch-chinesischen Gespräche beginnen. Die Kremlführung wird durch das Mitglied des Parteipräsidiums Michail Suslow und die Mitglieder des ZK-Sekretariats Andropow, Iljitschow und Ponomarjow vertreten sein. Auch der sowjetische Botschafter in Peking, Tschwerwonenko, soll an den Verhandlungen teilnehmen. Die Pekinger Führer wollen Teng Hsiao-ping (der den etwas irreführenden Titel „Generalsekretär“ trägt) und das Mitglied des ZK-Sekretariats Peng Tschen nach Moskau schicken.

In der Geschichte des Weltkommunismus hat es bisher noch nie so langer und schwieriger Vorbereitungen bedurft, um ein Treffen zwischen Vertretern zweier kommunistischer Parteien zu arrangieren. Schon Anfang 1962 hatten sich einige kommunistische Parteien für ein sowjetisch-chinesisches Treffen oder für eine kommunistische Weltkonferenz eingesetzt, um den bedrohlich wachsenden sowjetisch-chinesischen Konflikt einzudämmen. Die Pekinger Führer drängten wiederholt auf die Einberufung einer kommunistischen Weltkonferenz, weil sie hofften, daß es ihnen gelingen würde, vor einem solchen internationalen Forum ihre eigenen Thesen überzeugend zu vertreten und damit andere kommunistische Parteien als Bundesgenossen zu gewinnen, zumindest aber zu „neutralisieren“.

Die sowjetische Führung stand diesen Vorschlägen skeptisch, ja ablehnend gegenüber. Die Kremlführung wollte vielmehr eine Art stille Vereinbarung treffen, die öffentliche Polemik einzustellen. Erst nachdem sich die Gemüter beruhigt hatten, sollte dann eine Weltkonferenz einberufen werden. Offensichtlich glaubte damals der Kreml noch, er sei stark genug, um Peking nach und nach zu isolieren und die Moskauer Parteilinie zur alleingültigen für die gesamte Weltbewegung zu machen. Dies erwies sich jedoch als eine Fehleinschätzung. Die Pekinger Führer, die seit Sommer 1960 von Albanien unterstützt wurden, konnten auch Nordkorea auf die eigene Seite ziehen und darüber hinaus Nordvietnam und eine Reihe anderer kommunistischer Parteien (darunter die indonesische und japanische) immer mehr auf die Pekinger Linie bringen. Die Propagandakampagne Pekings blieb auch in anderen Ländern nicht ohne Widerhall.

Die Kremlführung schlug im Februar 1963 in ihrem ersten offenen Brief an Peking sowjetisch-chinesische Gespräche auf hoher Ebene vor, wobei nach Moskaus Wunsch nicht das Trennende, sondern das Gemeinsame in den Vordergrund zu stellen sei. Ein Termin war in dieser ersten Moskauer Erklärung noch nicht genannt worden; was den Ort anbetraf, so hielt es damals der Kreml noch für selbstverständlich, daß Mao nach Moskau kommen würde.

Peking dachte jedoch anders darüber. In ihren Antwortschreiben vom 9. März erklärten die chinesischen Führer zwar, sie seien zu sowjetischchinesischen Verhandlungen bereit, meinten jedoch, daß Chruschtschow bei seinem bevorstehenden Staatsbesuch in Kambodscha Peking besuchen solle.

Das Chruschtschow-Mao-Treffen in Peking abzuhalten, war wiederum für Moskau unannehmbar. Schließlich war Chruschtschow in den letzten fünf Jahren bereits zweimal (im August 1958 und im Oktober 1960) in Peking gewesen, während Mao Tse-tung die Sowjetunion zum letzten Male im November 1957 besucht hatte. Die Sowjetführung lehnte daher in ihrem zweiten offenen Brief an Peking am 30. Mai den chinesischen Vorschlag höflich-entschieden ab. Sie lud statt dessen Mao Tse-tung nach Moskau ein und versprach, den chinesischen Parteiführer „würdig zu empfangen“, ihn während seiner Reise durch die Sowjetunion von „Genossen der Führung“ begleiten zu lassen und dies mit einem „Meinungsaustausch über verschiedene Fragen“ zu verbinden. Als zweite Möglichkeit schlug der Kreml ein sowjetisch-chinesisches Treffen für den 15. Mai 1963 in Moskau vor, „wenn Ihnen der Termin genehm ist“.