Von Ralf Dahrendorf

Wenn ich zu Ihnen sagte, „wir brauchen dringend mehr Volksschullehrer“, dann wären Sie vielleicht bereit, mir diese Behauptung abzunehmen; vielleicht aber auch nicht.

In jedem Fall jedoch würden Sie mich vermutlich fragen: Wie kommen Sie zu dieser Behauptung? An welchen Stellen und aus welchen Gründen sind mehr Lehrer nötig? Sie würden mich also dazu zwingen zu argumentieren.

Nun kommt aber jemand – und zwar möglichst jemand, den Titel und Stellung als Wissenschaftler ausweisen – und erklärt: „In der Bundesrepublik fehlen 32 000 Volksschullehrer.“

Er hat es leichter als ich: Seine Aussage wird sofort von der Presse aufgegriffen, den Kultusministern in den Länderparlamenten vorgehalten, als Hinweis auf einen öffentlichen Skandal verstanden. Er braucht nicht zu argumentieren. Niemand fragt, wo denn eigentlich die 32 000 Schulklassen sind, die ohne Lehrer dasitzen. Kaum jemand zwingt den Urheber der Behauptung, seine Zahl zu begründen. Zahlen schlagen Worte.

Sehen wir uns dabei einmal eine Zahl wie die hier als Beispiel genannte an. Wie kommt sie eigentlich zustande? Wie wird sie – wie es so schön heißt – „berechnet“?

Da wird festgestellt, wie viele Volksschullehrer und wie viele Volksschüler es tatsächlich gibt und wie sich die Zahl der Volksschüler unter Berücksichtigung der Geburtenziffer entwickeln wird. Da wird vielleicht untersucht, welche Kapazität die Pädagogischen Hochschulen heute und in absehbarer Zukunft haben. Da wird möglicherweise die unterschiedliche Klassengröße in Stadt- und Landkreisen oder in verschiedenen Bundesländern untersucht.