r. g., Ludwigsburg

Im Gaswerk der Stadt Ludwigsburg bei Stuttgart wird nicht nur Kohle in Gas umgewandelt; hier löst sich Geld in Luft auf. 415 000 Mark sind glatt verpufft – nicht ohne Mithilfe des Gemeinderats.

Wie in vielen anderen Städten waren auch in Ludwigsburg die Anlagen für die Gasversorgung veraltet und reichten nicht mehr aus. Die Stadt, die nur 55 Prozent des verbrauchten Gases selbst erzeugte, stand vor der Frage: die Versorgung auf Ferngas umstellen oder das hundertjährige Gaswerk durch eine moderne Anlage ersetzen?

Im August 1960 fiel die Entscheidung. Zu dieser Zeit bereits redeten die Männer vom Fach auf ihren Tagungen von nichts anderem als von dem „Umbruch der Gaswirtschaft“. Zwar hatten Ende der fünfziger Jahre der Gasabsatz und der Ausbau des Ferngasnetzes stagniert; aber die Fachleute, darunter auch der Leiter der Referate Gas- und Wasserwirtschaft im Bundeswirtschaftsministerium, Ministerialrat Dr. Laurien, stellten eine günstige Prognose: „Es ist lediglich eine Zeitfrage, wann in der Bundesrepublik durch eigene Gewinnung oder durch Importe das Erdgas von großer Bedeutung für die gesamte Energiewirtschaft sein wird.“ Damals zeichnete sich bereits deutlich die Tendenz ab, ein weiträumiges Hochdruckverteilungsnetz auszubauen und die Verbundwirtschaft zu intensivieren. Allein in Ludwigsburg glaubte man, nicht länger warten zu können.

Ferngas oder neues Gaswerk? Der Gemeinderat fand in nichtöffentlicher Sitzung einen Kompromiß: er schloß einen Zehnjahresvertrag über die Gaslieferung ab und kaufte gleichzeitig eine Flüssiggasspaltanlage zum Preise von 1,75 Millionen Mark. Die Fachleute aber, die vor dieser „Zweigleisigkeit“ gewarnt hatten, wurden glänzend gerechtfertigt. Nicht nur, daß die GVS, die Gasversorgung Süddeutschland, inzwischen Gas zu sehr günstigen Bedingungen liefert, die Ludwigsburger mußten noch einen zweiten Schlag einstecken: Die Flüssiggasspaltanlage durfte nicht auf dem Gelände des alten Gaswerks errichtet werden; die Brandschutzexperten des Regierungspräsidiums waren dagegen.

Sollte man gegen die Stimme der Vernunft ein neues Gelände erschließen, das die Investitionen – sie wären in jedem Falle unrentabel gewesen – erheblich vergrößern würde? In dieser Situation sagte sich der Gemeinderat: Fort mit Schaden! Und der Schaden war beträchtlich; nur widerstrebend erklärte sich die Herstellerfirma bereit, den Millionenauftrag zu annullieren. Die Erfahrung, die jeder Autokäufer macht, wenn er sich’s anders überlegt hat, blieb auch der Stadt nicht erspart; von der Anzahlung von 615 000 Mark erhält sie nur 200 000 Mark zurück.

Anderen Städten, in denen Gaswerke ehrwürdige Jubiläen feiern können, hat der Ludwigsburger Entschluß zu denken gegeben. Grundsätzlich aber muß man fragen, ob Gemeinderäte, deren Mitglieder nicht selten nach dem Grad der Aktivität in Gesang- oder Sportvereinen gewählt worden sind, mit derartig weitreichenden wirtschaftlichen und technischen Entscheidungen überfordert werden. Sollte man nicht noch mehr die Möglichkeit ausnützen, sachkundige Bürger zur Arbeit in den Gemeinderatsausschüssen heranzuziehen, in denen die Vorentscheidungen über so schwierige Fragen gefällt werden?