Der West-Berliner Stadtteil Kreuzberg, unmittelbar an der Sektorengrenze gelegen, sieht so aus: endlose Häuserzeilen mit kleinbürgerlich-wilhelminischen Fassaden, deren abgeblättertes Dasein dem neuromantischen Hang zu Jugendstil und Viktorianik in idealer Weise entspricht. Eine Arbeitergegend von gemütlicher Häßlichkeit, wo alles ein bißchen ländlicher zugeht und ein bißchen weniger kostet als anderswo in Berlin – Schnaps, Lebensmittel, Anziehklamotten, der abendliche Kneipengang. Dazwischen die frühtechnischen Relikte der hier überirdisch verlaufenden U-Bahn, die wie aus einem Riesenstabilbaukasten erbaut scheint und, last not least, der von Gartenbaudirektor Mächtig 1892 angelegte Viktoriapark mit einem dem Zackelfall im Riesengebirge nachgebildeten künstlichen Wasserfall: Er stürzt sich, wenn angedreht, von Berlins höchster Erhebung ins Tal, eben jenem Kreuzberg, der mit seiner stattlichen Höhe von 66 Metern dieser Gegend den Namen gab.

Eine Art von fröhlicher Armut, Zille-Romantik und großstädtischer Tristesse geben ihr das besondere Gepräge. Wie den Montmartre, das Münchner Schwabing, wie Greenwich Village in New York wird Kreuzberg heute von moderner Bohème bevölkert. Sie zeichnet sich wie überall dadurch aus, daß sie weder sät noch erntet, aber tagtäglich eine Menge konsumiert, besonders Flüssiges, die malt, bildhauert, dichtet, abgeschabte Bitte Jeans und struppige Vollbarte trägt, kurzum, die sich ihres Lebens freut, als seien Kreuzberg das Schlaraffenland und der trübe Landwehrkanal mit seinen öligen Fluten die Seine.

Hier befindet sich, in der Zossener Straße, Curt Mühlenhaupts „Leierkasten“, eine Mischung aus Hinterhofkneipe, Trödelladen und Kunstgalerie. Curt Mühlenhaupt, der aus Klein-Ziescht stammt – wo immer das liegen mag – und dessen persönliche Eigenart daraus besteht, daß er überall, auch drinnen (und sei es im Charlottenburger Schloß), den Hut auf der Lockenfülle behält, ist von Beruf eigentlich Schweinemäster und Mäusezüchter. Er hat sich auch, ehe er zum Kneipenwirt und Trödler avancierte, als Schalenbimmler und Vogelhändler betätigt, ein wahrer Papageno der Großstadt.

Aus Berufung ist er naiver Maler, und er ist wahrhaft kein schlechter: Er malt die Typen seiner Umwelt, die Wirtin Rosi, die Kneipen-Inge, Herrn Huth mit seinem Schnurrbärtchen, Frau Krause und Frau Neumann, dies seine Lieblingsmodelle, Urbilder Kreuzberger Lebens. Er gibt auch „Biertrinker-Blätter“ heraus, in denen er neben bezirkseigener Poesie hauptsächlich Texte von Novalis veröffentlicht, für die er eine unerklärliche Vorliebe zu haben scheint.

Ganz unerklärlich ist diese Vorliebe natürlich nicht. Was Mühlenhaupt in Kreuzberg sucht und was alle Mitläufer und Bohemegenossen in Mühlenhaupts Kreuzberg zu finden hoffen – um was anderes sollte es sich handeln, als um die Blaue Blume der Romantik, deren Kelche sich in Tabakqualm und Bierdunst öffnen sollen wie am Waldesquell? Hat doch schon Novalis selbst gesagt: „Wir suchen überall das Unbedingte und finden immer nur Dinge.“

Die Romantik der Dinge im technischen Zeitalter mit der Seele suchend, zieht man in Kreuzberg vom „Leierkasten“ zur „Kleinen Weltlaterne“ in der Kohlfurter Straße, wo die fürsorgliche Hertha Ziegler in unverfälschtem Sächsisch mit sich handeln läßt und gern auch mal eines der Bilder, mit denen man ihre Kneipe gepflastert hat, in Zahlung nimmt, und weiter zur „Old-Scotch-Bar“, in der die Schranke zwischen Galerie und Bar, zwischen Kunst und Alkohol endgültig aufgehoben scheint – eine bunte Gesellschaft, die sich soziologisch unmöglich einordnen läßt.

Künstlerisch ist das eher möglich. Alle Kreuzberger malen „gegenständlich“, ob naiv oder akademisch tut nichts zur Sache. Man findet hier noch gepflegte Seestücke, in Essig und Öl gemalt wie im späten 19. Jahrhundert, und noch den düsteren Sozialimpuls der jungen Otto Dix und Otto Nagel. Die Primitivität echter Sonntagsmaler zieht mit dem Pseudo-Können flott gespachtelter Sonnenuntergänge über Sorrent Arm in Arm einher. Handwerkliches Können jeder Stufe und Schattierung ist vorhanden – ein Widerstandsnest gegen die abstrakte Kunst der Gegenwart.