Monschau

Gut eine Autostunde von Köln entfernt liegt das idyllische Kreisstädtchen Monschau, umgeben vom Naturpark Nordeifel. Das Land ist nicht reich, aber den Bewohnern des Kreises macht die Kärglichkeit ihres Bodens nur noch wenig Sorge, seitdem sie entdeckt haben, daß ihr Stück Natur durch den Tourismus ungleich lukrativer zu bewirtschaften ist als durch Ackerbau und Viehzucht. Mit gewandeltem Besitzerstolz zeigen die Eifler den erholungsbedürftigen Städtern aus der Industrielandschaft Nordrhein-Westfalen, was sie in nächster Nähe zu bieten haben: Schmale Täler und einsame Wälder, saftige Kuhwiesen mit Kleeblumen und Löwenzahn, klare Bäche und den Rursee, in dem man schwimmen und segeln kann. Dazu gibt es noch einige Traditionsstätten, hier eine historische Ritterburg, dort einen alten Gasthof mit ,,Jagdatmosphäre“.

Die Eifler warben, die Städter kamen in Scharen – aber nicht nur, um sich die Landschaft anzusehen, sie wollten kaufen. Jährlich werden im Kreis Monschau rund 200 Bauaufträge für Wochenendhäuser gestellt. „Wenn wir allen Wünschen entsprechen wollten, hätten wir längst kein Plätzchen Natur mehr“, klagt der Oberkreisdirektor Georg Stieler. Noch größere Sorgen machen ihm die illegalen Bauunternehmungen in seinem Kreis. Vor wenigen Tagen forderte er die Bevölkerung auf, die Augen aufzumachen und nach schwarzgebauten Wochenendhäusern zu suchen, die meist irgendwo im Wald versteckt liegen und nur durch Zufall entdeckt werden. Zur Zeit laufen im Kreisbauamt Monschau 35 Streitverfahren gegen illegal erstellte Unterkünfte. „Wie ein Termitenschwarm ergießen sich die Rechtsbrecher in unsere unberührte Landschaft“, schimpft Kreisinspektor Kirch.

Um ihre Bauunternehmungen zu tarnen, greifen die Eifelliebhaber zu originellen Erklärungen. Ein Großstädter kaufte sich ein Stück Land, um eine Johannisbeerplantage anzulegen. Die Hütte auf dem Gelände soll dem Plantagenwächter als Unterkunft dienen. „In unserem Kreis kommen jährlich viele Zentner Beeren um, weil sie niemand haben will“, erklärt Inspektor Kirch. „Und auf diesem Boden gedeiht ohnehin kein Strauch Ein anderer stellte einen ausgedienten Omnibus in der Nähe der Rurtalsperre, möblierte ihn mit Tisch und Bett und meinte, diese Behausung solle einer Wandergruppe aus Aachen als Unterkunft dienen. Er habe sich die Unterstützung der Wandervögel zur Pflicht gemacht.

Ein Prokurist aus Aachen baute sich eine Hütte im Kluckbachtal bei Rohren. Die sei nötig, sagte er beim Ortstermin, weil er dem Grundstückseigentümer versprochen habe, seine Kühe zu hüten „Leute, die uns mit Ackerbau und Viehzucht kommen, sind uns schon verdächtig“, sagt Oberkreisdirektor Stieler. Städter, die vom Huhn höchstens das Ei kennen, deklarierten ihre Wochenendhäuser als Hühnerfarmen. Um die landwirtschaftliche Nützung seines Grundstücks nachzuweisen, erklärte ein Orgelbauer aus Aachen, seine Hütte diene ausschließlich der Fischzucht. Fischteiche konnten die Vertreter des Kreisbauamtes freilich nicht finden.

Ein Kaufmann quartierte sich mit einer Herde Ponys auf einem Grundstück ein und deklarierte seinen Bau als Feldschmiede. Beim Ortstermin präsentierte er einen echten Schmied mit Gesellen in Montur. „Das war billigstes Provinztheater“, sagt Inspektor Kirch. „Die Ponys sollten dem Reitsport dienen und keinesfalls der Zucht und dem landwirtschaftlichen Betrieb Am ehesten haben noch die Imker Aussicht, von der Kreisbaubehörde geduldet zu werden. „Wir können nicht bestreiten, daß die Bienenhaltung für die Obstkulturen und die gesamte Vegetation von Wert ist. Aber die Imker müssen schon echt sein.“ Erlaubt ist ihnen lediglich das Bienenhaus und ein Arbeitsplatz, eventuell noch ein stilles Örtchen. Eine Bettstelle dürfen sie nicht bei ihren Bienen haben.

Die Hütten der Schwarzbauer sind meist primitiv aus Holz und Wellblech gezimmert und gewiß kein Schmuck für die Eifellandschaft. Sie haben jedoch für die Besitzer unbestreitbare Vorteile: Der verbotene Bauplatz ist sehr viel reizvoller und einsamer gelegen als das Bauland, das die Gemeinden offiziell ausweisen und anbieten. Zudem ist der Quadratmeterpreis oder die Pacht für die im Außenbereich liegenden Parzellen, die nur zur Land- oder Forstwirtschaft genutzt werden sollen, billiger als auf den offiziellen Baugeländen. Aber auch die Bauern machten die Geschäfte mit den „Rechtsbrechern“ nicht ungern: Ein Landwirt aus Widdau bei Monschau teilte einen Morgen Land in fünf Stücke und verpachtete sie zu je achtzig Mark. Der gleiche Morgen hatte ihm als landwirtschaftliche Nutzfläche vorher insgesamt nur 30 Mark eingebracht.