Von F. J. Weale

London, Ende Mai

An einem Januartag des Jahres 1962 notierte Rohzucker in New York 1,95 cents per Pfund, in London unter 20 £ per Tonne. In der vergangenen Woche zahlte man in New York für Kassaware 12,60 cents, für im Juli lieferbare Ware wurden sogar 12,95 cents geboten, ohne daß ein Angebot zum Vorschein gekommen wäre. In London war der Kurs auf 101 £ gegen 40 1/2 £ zu Jahresbeginn 1963 gestiegen. Bei diesen Zuckerpreisen machte sich zum erstenmal seit Monaten eine Ermüdung des Marktes bemerkbar. Die pausenlose Steigerung des „süßen Preises“ bewies aber daß viel Spekulation im Spiele war, denn die Raffinerien haben natürlich mit der Deckung ihres Bedarfs frühzeitig begonnen und dürften kaum zu den jetzigen Preisen mit echten Käufen im Markt sein. Es ist deshalb noch nicht gesagt, daß in manchen Ländern die Zuckerpreise im Großwie im Kleinhandel steigen und die Teuerung auf die Hausfrauen abgewälzt werden müßte.

In den Vereinigten Staaten ist der Jahresbedarf schon mit 500 000 Tonnen überdeckt. In den europäischen Ländern sind die Vorräte an Rohware so groß, daß die Verbraucher zu erhöhten Produktionskosten kaum beitragen müssen – ganz abgesehen davon, daß ja die Preise durch Regierungssubventionen auf einem stabilen Niveau gehalten werden, Es ist jedenfalls verdächtig daß auf den maßgebenden Plätzen nicht nur die Zucker-, sondern auch die Zuckeraktien-Kurve einen tüchtigen Auftrieb erhalten hat, also versprechen sich die Zuckerfabriken an dem bisherigen „Geschehen“ auch größere Gewinne.

Die internationale Zucker-Malaise lenkt auf Kuba als Lieferant für die westlichen Märkte sowie auf die sinkende Produktion der Zuckerinsel. Von durchschnittlich 5 1/2 bis 6 1/2 Mill. t ist ihre Produktion in der laufenden Saison auf 3 1/2 Mill. t (die kleinste Ernte seit 1943) gefallen. Sie ist noch nicht beendet und wird bis in den Juni hinein fortgesetzt. Da aber Zuckerrohr, je später es geschnitten wird, desto mehr Saft verliert, kann das Endergebnis bis auf 3,1 Mill. t fallen.

Der kubanische Ausfuhrüberschuß ist seit 1961 fast gänzlich an die Sowjetunion vergeben worden, weil die Vereinigten Staaten über Bezüge von Kubazucker den Boykott verhängt hatten. Die derzeitige Entwicklung war allerdings nicht vorauszusehen. Als das US-Außenministerium den Boykott verhängte, weil die Stimmung im Kongreß Sanktionen gegen Kuba verlangte, gab es ein massives Zuckerangebot, so daß der Weltpreis auf das gedrückte Niveau von rund 2 cent pro lb. fiel. Die Sowjetunion und die Tschechoslowakei hatten damals zu diesem Rückgang beigetragen, weil sie den von ihnen bezogenen Kubazucker zu Dumpingpreisen an westliche Länder lieferten. Verluste dürften ihnen aber nicht erwachsen sein, da sie in den Preisen ihrer eigenen Lieferungen von Industrieprodukten und Waffen an Kuba genug „Luft“ hatten.

Der kalte Sommer des Vorjahres brachte die Wendung. Die europäische Rübenernte war schlecht. Infolge des früh einsetzenden Winters blieben viele Pflanzen im Boden. Nach Angaben von F. O. Licht war die europäische Rübenzuckerproduktion (ohne die Sowjetunion) von 15,4 (1960/61) auf 12,5 (1961/62) gefallen und ist für 1962/63 weiter auf 12 Mill. t (metr.) zurückgegangen. In der Bundesrepublik war sie jedoch gegenüber dem Vorjahr leicht erhöht.