Willi Daume, der Präsident des Deutschen Sportbundes und des Nationalen Olympischen Komitees, wurde 50 Jahre alt. Obwohl es noch zu früh erscheint, um gültig über die Lebensleistung eines Mannes zu urteilen, war die Sportpresse voll von Geburtstagsadressen, die sich oft zu Lobeshymnen steigerten. Sogar ein Dichter, nämlich Rudolf Hagelstange, griff – zwar nicht, wie weiland die Hofpoeten, in die Leier, aber doch in die Tasten seiner Schreibmaschine. Man könnte hierbei an den psychologischen „Aufbau“ einer Persönlichkeit des öffentlichen Lebens denken. Aber die Glückwünsche galten vor allem dem neuen Typ eines Sportführers, der im Sinne der jungen Generation eine ganz bestimmte Auffassung des Sports zu verwirklichen trachtet. Eine Auffassung, die im Sport nicht mehr eine „neutrale“, idealistisch gestimmte Bewegung sieht, für die es sich zu bekennen gilt, sondern eine heutige Massenorganisation, die in erster Linie ihre soziologischen und politischen Möglichkeiten wahrzunehmen und durchzusetzen hat. Diese Auffassung führt im Zeichen des Ost-West-Konfliktes auch zwangsläufig dahin, daß der Diplomat Daume, der eine Machtfülle in Händen hält, wie sie noch nie ein deutscher, demokratischer Sportführer innehatte, immer mehr zur politischen Figur wird. Gerade jetzt, wo er mit der Absicht hervortritt, das ganze Berlin zur Olympiastadt zu machen, wird dies besonders offenbar.

Die härteste Strafe für den Leistungssportler sind die Reden, die er sich nach Meisterschaften und Länderkämpfen anhören muß. Drakonisch wüten die mißratenen Ciceros in Hochgefühlen und Völkerverbindungen, beschwören den Geist Olympias, ohne Neros zu gedenken – während den Athleten nach nichts anderem der Sinn steht als einem kühlen Bier. Wenn einmal einer der Sport-Festredner aus dem Schaum der Phrasen zu Wesentlichem hinabsteigt, entdeckt der Aufhorchende hinter dem Mikrofon in Deutschland fast immer Willi Daume.

Daume, Präsident des Deutschen Sportbundes und des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland, wurde 50 Jahre alt. Assoziationen wie graue Haare, zweite Lebenshälfte und ruhigere Gefilde versagen; denn in diesem Falle verbindet sich mit dem Datum nur ein kurzer Augenblick der Besinnung auf einen Glücksfall für den deutschen Sport.

Wenn Daume spricht, sucht er mit seinen klugen, beweglichen Augen die Saaldecke nach Spinnweben ab. Aber aus den Lautsprechern kommt Gebündeltes. Die allgemeine Ratlosigkeit nach der physischen Leistung wird unterwandert von Bezügen, Sinn formt sich, Zusammenhänge werden freigelegt, Daume greift mit raschem, festem Griff nach umliegenden Phänomenen, ordnet den Sport oder das gerade besagte Ereignis ein, es wird heller, selbst in Köpfen, die eben noch auf den Nachdurst konzentriert waren.

Vielleicht muß man erlebt haben, wie selten das ist, um es ganz würdigen können. Plötzlich steht da inmitten der vielen Bemühten ein Mann von gediegener Bildung, urbaner Gelassenheit und (doch) organisatorischer Strenge. Eine Gestalt aus dem Feuilleton, die sich scheinbar in den Sport verirrt hat. Aber sie ist heimisch, hier wie dort, läßt mit Feuereifer im Schutt Olympias graben und verteilt zugleich an die Schnelleren, Höheren, Weiteren Auszeichnendes. Weniger gern Eichenkränze, Medaillen, Silbervasen und Nadelkitsch, um so lieber Dinge mit menschlichem Bezug: einen jungen Dackel zur Erinnerung an Sportler aus dem Ausland, ein Buch an eine junge Studentin, eine Radierung an einen frischen Meister. Es gibt im Sport nicht nur den Schutt Olympias; viel höher liegt der Staub der jüngeren Traditionen. Und Daume bläst frischen Wind hinein.

Mit Staub kann er umgehen. In Dortmund geboren, auf roter Erde Fußball, Handball, Basketball meisterlich behandelt, Besitzer einer großen Eisengießerei. Die Geschichte seines Sportruhms nimmt er humorig. Zwar kam er zu Länderspielehren beim akademischen Olympia in Budapest 1935, aber als er 1936 zum Handball-Olympiaaufgebot gehörte, hatte er Pech. Wer von den Jüngern des „Deutschen Spiels“ auch Basketball spielen konnte, mußte rechts raustreten. Daume trat. Und so kam er statt zur Goldmedaille in der Handballmannschaft zu einer überwältigenden Niederlage im Basketballteam. Das Pech blieb ihm treu, denn auch 1939, zu einem Länderspiel schon nominiert, wurde er schließlich nicht aufgestellt. Mit seiner Dortmunder Mannschaft gehörte er zur Spitzenklasse des westdeutschen Handballs.

Es ist charakteristisch für Willi Daume, daß er abwechselnd im Tor stand und stürmte. So spielt er noch heute Tennis: Saubere, kluge, geduldige Vorbereitung, dann der zupackende Biß. Und just so führt er die größte Gemeinschaft Freiwilliger, die es je in Deutschland gegeben hat, die sechs Millionen Mitglieder des DSB. Seine Wahl zum Präsidenten war ein Glücksfall wie er selbst. Als 1950 die großen Verbände eifersüchtig darüber wachten, daß nur keiner der „Starken“ die Spitze erklomm, wählte man den bescheidenen Handball-Präses mit den guten Manieren, der im Machtkampf nichts verderben konnte. Daume wurde gewählt, nahm an und lächelte.