Von Phidias E. Lapide

Hochhuth und sein Drama „Der Stellvertreter“ kommen hier nicht vor. Hier handelt es sich auch nicht allein daran, die große tätige Hilfe darzustellen, die Papst Pius XII. den durch die Nationalsozialisten und Faschisten verfolgten Juden angedeihen ließ. Es geht zugleich um die Aussöhnung zwischen katholischen Christen und dem Judentum, die Papst Johannes XXIII. so sehr gefördert hat, daß sein Andenken allen Menschen guten Willens, gleich welcher Religion, teuer sein wird. – Der Verfasser, Pinchas E. Lapide, lebt in Jerusalem; er hat als Offizier der Jüdischen Brigade angehört, die in Italien kämpfte. Sein Buch „Der Prophet von San Nicandro“ hat den Namen des israelischen Autors weithin bekannt gemacht.

Der erste Kontakt zwischen dem Vatikan und der Jüdischen Nationalbewegung kam am 25. Januar 1904 zustande, als Pius X. in Privataudienz Dr. Theodor Herzl, den Verfasser des „Judenstaates“ und Gründer der zionistischen Weltorganisation empfing, der von Wien gekommen war, um Roms moralische Unterstützung für die jüdische Sache zu gewinnen. Was er erreichte, kam einer offiziellen Zurechtweisung gleich. „Wenn Sie nach Palästina gehen und ihr Volk dort ansiedeln“, so hielt Dr. Herzl die Worte des Papstes in seinem Tagebuch fest, „werden wir Kirchen und Missionare bereithalten, es zum Christentum zu bekehren.“

Einen Monat später gelang es jedoch einer Delegation zionistischer Führer, Zusicherungen vom päpstlichen Staatssekretär Merry del Val zu erhalten, daß „der Heilige Stuhl der jüdischen Kolonisierung des Heiligen Landes keine Hindernisse in den Weg legen wird, da er ein solches Bemühen als philantropisches Unternehmen betrachtet“. Das war das äußerste, was der Vatikan während der drei ersten Jahrzehnte des politischen Zionismus zu tun bereit war.

Die Dinge wandten sich erst zum Besseren, als sich die Situation der europäischen Juden im Jahre 1938 rapid verschlechterte. Inmitten der Deportation und Enteignung der Juden hatte der Mann, der zwölf Jahre lang päpstlicher Nuntius in Deutschland gewesen war und zur Unterstützung eines Konkordats zwischen Deutschland und dem Vatikan beigetragen hatte, den Mut, öffentlich zu erklären: „Geistig sind wir alle Semiten.“

Kein Wunder, daß Hitler und Mussolini eine bösartige Pressekampagne entfesselten, um Kardinal Pacellis Wahl zum Papst zu verhindern. Am Tage nach seiner Wahl im Jahre 1939 schrieb die „Berliner Morgenpost“: „Die Wahl Kardinal Pacellis wird in Deutschland nicht günstig aufgenommen, weil er immer dem Nationalsozialismus feindlich gegenüberstand.“

Die Opposition des Papstes wurde stärker, ebenso seine Offenheit; Am 11. März 1940 hielt von Ribbentrop während einer formellen Audienz eine langatmige Rede über die „Unbesiegbarkeit des Dritten Reichs“, die „Unvermeidbarkeit eines deutschen Sieges“ und die Sinnlosigkeit eines päpstlichen Paktierens mit den Feinden des Führers, Der Papst hörte höflich und leidenschaftslos zu. Dann öffnete er ein gewaltiges Register auf seinem Pult und begann in perfektem Deutsch aus dem Katalog der Rassenverfolgungen des Nazi-Regimes zu zitieren. Er gab das Datum, den Schauplatz und die genauen Details jedes Verbrechens an. Die Audienz endete mit einem kurzen Gruß – die Einstellung des Papstes war klar.