Ein traditionsreiches Berliner Restaurant, das für die Qualitäten seiner Küche berühmt, ist ... Schon dieser Schauplatz garantiert, daß die Geschichte von etwas Feinem handelt und nicht etwa von Schweinerei.

Die wahre Geschichte, die ich meine, erzählte in diesem Lokal Friedrich Sieburg, als nach beendetem Mahle seine Tafelgenossen die Mundtücher beiseite gelegt hatten.

Damals, als er in Paris lebte, wurde eine Bedürfnisanstalt, die seiner Wohnung gegenüber stand, über Nacht behördlich entfernt. Am anderen Morgen betrat ein älterer Bürger diesen Ort, fand das Rund der Blechwand nicht mehr vor, sah sich um, studierte die Spuren am Boden. Sichtlich war er tief erstaunt. Aber er ging nicht von dannen; er blieb. Er handelte an vertrautem Ort so, wie er immer gehandelt hatte. Dies war natürlich den Bewohnern der umliegenden Häuser, die lange für die Beseitigung der Vespasienne gekämpft hatten, durchaus nicht recht. Sie reagierten mit entsprechenden Zurufen. Dadurch wurde des Mannes Zorn erweckt, so daß er seine Stimme laut über den noch morgenstillen Platz schallen ließ: „Depuis quarante ans je pisse ici.“ Er fügte hinzu, daß er dies auch die folgenden Jahre so halten werde ...

Nicht wahr – spätestens in diesem Augenblick der Erzählung merkt doch jeder, um welche Probleme es sich hier handelt. Nämlich um das, was die Juristen „Gewohnheitsrecht“ und die Kulturpolitiker samt den Philosophen „Tradition“ nennen.

Unterdessen hatte sich das Nach-Tisch-Geplauder anderen Themen zugewandt. Auch betrachtete man – diskret natürlich – die übrigen Gäste im Restaurant, unter denen sich einige ohrenspitzende Männer befanden, die zur Begleitung des im Nebenraume speisenden Regierenden Bürgermeisters gehörten. Als nebenan ein Stuhlrücken das Ende des „Arbeitsessens“ ankündigte, erhoben sich die kräftigen Männer und drängten sich dem Ausgang zu. Einer aber ging am Tische des Schriftstellers vorbei, drohte mit erhobenem Zeigefinger und rief aus: „Unterstehen Sie sich, in so’nem feinen Lokal noch ’mal von Extremitäten zu reden! Da werden Sie ’was erleben!“

Dann fuhren die Autos des Regierenden davon. Aber das Wort „Extremitäten“ – es „blieb ungewiß im Räume stehen“. Und wir wollen es dort stehen lassen, egal, was immer der Begleitmann damit gemeint hatte, der das gut französische Wort „je pisse“ offenkundig so mühelos ins Deutsche übersetzt hatte, daß er Anstoß genommen, den Zeigefinger in die Luft gestoßen und seine Drohungen herausgefaucht hatte: ein Vorbild guten Benehmens – der anderen!

Diese Geschichte ist so schrecklich neu nicht mehr. Aber mir fällt sie immer wieder ein. Überschreite ich bei rotem Licht die Straße, weil weit und breit kein Auto zu sehen ist, so fällt mir die Geschichte ein. Denn wenn kein Schutzmann schimpft, tun die Umstehenden es für ihn. Parke ich am falschen Platz, so kommt sicher, obwohl ich keinen störe, ein wildfremder Mann gerannt und schreit. „He, Sie! Das dürfen Sie nicht! Hauen Sie bloß ab, Mensch!“ ruft er aus. In uns allen schlummert ein Polizist, und der will schreien.

Und dann fällt mir immer wieder diese Geschichte ein: die Geschichte von der abgebrochenen Pariser Vespasienne, vom Entschluß eines einzelnen, die Tradition zu hüten, und von den „Extremitäten“, die im feinen Lokal vor amtlich, halbamtlich oder gewohnheitsgemäß feingespitzten Ohren nicht erwähnt werden dürfen, und würden sie auch ganz privat und in feinstem Kammertone vorgetragen...