Von René Drommert

Graf Don Luchino Visconti di Madrone, dessen Ahnen, wie es heißt, bis zu Desiderins zurückgehen und der mit den Königshäusern von Italien, Frankreich und England verwandt ist, Visconti, der Opern- und Schauspielregisseur, Choreograph, Drehbuchautor und Filmregisseur, hat den„Leopard“ des Fürsten di Lampedusa verfilmt – den Roman des Niedergangs der aristokratischen Welt Italiens um 1860, als Garibaldi die Bourbonen aus dem Königreich Neape-Sizilien vertrieb. Das ist sicherlich eine gute psychologische Voraussetzung, wenn ein Mann, der selber ein Stück inneren Umschichtungs-Prozesses darstellt, die Geschichte seines Landes während des Risorgimento zeigt.

Der Film ist auch das Resultat solider Geschichtskenntnis, glänzender Regie-Routine (Visconti hat unter anderem die Filme „La terra trema“, „Bellissima“ und „Rocco und seine Brüder“ gedreht) und sehr zäher Arbeit. Allen für die Ballszenen, den brillantesten Teil des ganzen Films, brauchte Visconti 57 Drehnächte. Die Vorführung dieser Szenen dauert zwanzig Minuten, man sagt, das seien die längsten Ballszenen in der Geschichte des Films.

War es nun gerechtfertigt, dem Film in Cannes die Palme d’Or, die höchste Auszeichnung, zu geben? (Viele Besucher waren der Auffassung, daß der japanische Film „Harakiri“ nicht einen zweiten, sondern den ersten Preis hätte haben sollen. Über ihn schreibt Georg Ramseger in der Welt: „Inhalt und Gestalt eine Einheit. Noch im Schrecklichen das Maß.“)

Friedrich Sieburg hat gesagt, die eigentliche Quelle des Entzückens in Lampedusas Buch sei „die unbegrenzte Freiheit und Anmut, mit der alles – jeder Gedanke und jede Stimmung – ihren sprachlichen Ausdruck findet“. So genommen ist Viscontis Film ohne „eigentliche Quelle des Entzückens“. Das ist ein Fehler vom Prinzip her: von der Unmöglichkeit, ein gutes literarisches Werk adäquat zu verfilmen. Bei Lampedusa. Entfesselung der Phantasie, wenn sie auch nicht anarchisch ist, sondern sanft in bestimmte Richtungen gelenkt wird. Aber im Film werden die Flügel der Phantasie, oft unsichtbar, mit unzähligen kleinen Bleigewichten behängt. Vor allem sind die allzu langen Dialoge nicht etwa Kompensation für sprachliche Formung Von Gedanken und Stimmung, sie sind eine Belastung,

Die pausenlose Vorführung des farbigen Films, der bereits um Hunderte von Metern gekürzt war, dauerte in Cannes drei Stunden und zehn Minuten. Der Film hat 28 Millionen Mark gekostet Dazu schrieb die Zeitung L’Humanité: „Der Film scheint außerordentlich teuer gewesen zu sein, aber er ist hundertmal wertvoller als irgendein „Lawrence von Arabien’, der nur zu den reißerischen Filmen gehört.“

Das Lob kann man allein schon angesichts der ungewöhnlich guten Milieuzeichnung Viscontis bestätigen. Auch die Darstellung gehört zu den (nicht ganz so deutlichen) Vorzügen: Alain Delons Tancredi, Claudia Cardinales Bürgermädchen Angelica, Burt Lancasters Fürst Don Fabrizio Salina und andere.