Auf zwei Bergen beiderseits des Maintals stehen die berühmten Barockkirchen von Banz und Vierzehnheiligen, beide vom Tal aus – sichtbar und einander so gegenübergestellt, daß man von einer den freien, Blick zur anderen hat. Das war nicht immer so, obwohl Balthasar Neumann, als er Vierzehnheiligen erbaute, wo einst ein junger Hirte die Vision „eines göttlichen Kindes umgeben von vierzehn anderen Kindern“ erlebte, es darauf abgesehen hatte. Nur die Banzer haben sich ununterbrochen über die Konkurrenz freuen und ärgern können – Mönche und Besucher von Vierzehnheiligen aber können erst seit kurzem wieder nach Banz hinüberblicken: Nach „fünfzigjährigem Kampf“ erzählt ein Franziskaner von Vierzehnheiligen – sei es endlich gelungen, jene Verkaufsbuden, die sich in geschlossener Kette rings um die Wallfahrtskirche angekrustet hatten, wenigstens auf der Banzer Seite zu entfernen. Es habe die Kirche viel Mühe gekostet, und man frage sich, ob weitere fünfzig Jahre für die andere Seite gebraucht werden. Denn rechts von der festlichen Fassade mit den zwei Türmen sieht es noch schaurig aus.

Ein in viele einzelne Laden eingeteilter, nicht eben niedriger Bretterbau hindert den Blick, ins Land der Franken zu schweifen. Wie Spinnen in ihren Netzen lauern alte Frauen davor, eine vor jedem Ladenabteil. Da hocken sie und bieten Kitsch an, frommen und weltlichen. Natürlich gibt es auch ordentliche Ansichtskarten in Mengen und schöne Kerzen, Aber das andere ist schlimm, und mit dem Schlimmen werden die besten Geschäfte gemacht. Denn Häßlichkeit verkauft sich gut hier.

Ein Pilger, der einfältigen Gemüts ist, wird die Gelegenheit benutzen und einen der vierzehn Nothelfer in Kleinformat erwerben. „Die Leute bringen einem dann entsetzliche Figuren, die ich lieber nähme und wegwürfe, anstatt sie zu weihen“, sagt der Franziskaner, Man sieht ihm an, daß er Lust hätte, die Weiber samt den Buden wenn auch nicht zum Teufel, so doch ins Tal hinunter zu jagen. Die Frauen haben unten im Dorf ihre großen Geschäfte, aber sie aus den „Filialen“ hier oben zu vertreiben – und wäre es auch nur bis zum Parkplatz auf halber Höhe – haben selbst die vierzehn heiligen Nothelfer bisher nicht geschafft.

Gegenüber, vor Schloß und Wallfahrtskirche, von Banz, erfrischt sich der Pilger im Wirtsgarten. Stühle mit gelber, roter und blauer Plasticbespannung sind nicht gerade geeignet, den kunstreichen Barockbau zu verschönern, an dem noch dazu ein Brauereischild und eine Eisreklame prangen. Aber man vergißt diese Unzierden schnell, ist man erst in den Innenhof des Schlosses mit der großen doppelten Freitreppe eingetreten. Denn dort ist es weit schlimmer. Zu beiden Seiten des Torbaus nisten die Andenkenläden. Sie sind so rücksichtslos in die Ecken des Gartenhofs gesetzt, daß ihr grellbunter, kleinformiger Andenkenkitsch die Übermacht hat, besonders, wenn der Besucher unvorsichtig genug ist, sich von der Treppe her umzublicken.

Da tut er besser, hineinzugehen ins Schloß, das jetzt Caritas-Altersheim ist. Bis vor die Innentür gelangt er aber nur. Besichtigung ist nicht erlaubt. Ein alter Mann, als Jäger aus Kurpfalz verkleidet, das Fernglas vor der Brust, kommt heraus. Eine Kuckucksuhr schlägt, die Tür schließt sich hinter ihm. Er schreitet zum Kolonialwarenladen hinüber, der auch am Hof, in Balthasar Neumanns Wirtschaftsgebäude liegt. Das rührend altmodische, schwärzliche Schild des versteckten Lädchens sollten die Leute von der Denkmalspflege ruhig hängen lassen, wenn sie ans Aufräumen gehen. Für die unvermeidlichen Andenkenläden findet sich vielleicht Platz bei Bierschild und Eisreklame, am Parkplatz oder unter blühenden Bäumen.

Von den vierzehn Heiligen in Vierzehnheiligen ist nur ein einziger eines natürlichen Todes gestorben. Die anderen wurden, enthauptet. Die Denkmalspfleger sollten, couragiert zupacken. Das Pflegen von Kunstheiligtümern ist weniger riskant als das Leben von Heiligen, selbst wenn eine Revolte der Händler ausbräche. R. H.