Von Hans Walter Berg

Neu-Delhi, im Mai

Die Verluste, die Indiens regierende Kongreßpartei in den letzten Tagen durch sensationelle Niederlagen bei drei Nachwahlen erlitt, bedeuten für das indische Parlament einen großen Gewinn. Drei der prominentesten Gegner des Ministerpräsidenten Nehru und jenes linken Kongreßflügels, der durch den gestürzten ehemaligen Verteidigungsminister Krishna Menon und den äußerst umstrittenen Ölminister Malaviya vertreten wird, sind als Sieger aus Nachwahlen hervorgegangen: Acharya Kripalani, Mino Masani und Dr. Lohia. Sie werden, so ist zu hoffen, der bisher führerlosen Opposition im Parlament endlich Profil geben. Sie repräsentieren alle Gruppen der nichtkommunistischen Opposition in Indien.

Der heute fünfundsiebzigjährige Kripalani gehörte zu den engsten Mitarbeitern Gandhis und war in dem Jahr, als Indien unabhängig wurde, Präsident der Kongreßpartei. Später übernahm er die Führung der Prajasozialisten und heute verkörpert er als Unabhängiger die Kräfte, die – quer durch sämtliche Parteien bis hinein in die Reihen des Kongresses – mit der gegenwärtigen Führung der indischen Politik unzufrieden sind. Bei den letzten allgemeinen Wahlen im Frühjahr 1962 focht Kripalani einen erbitterten Kampf mit dem damaligen Verteidigungsminister Krishna Menon aus, dessen antiwestliche und prokommunistische Politik er als nationales Unglück für Indien betrachtet. Kripalani unterlag zwar in diesem Duell, weil Nehru sich mit seinem ganzen Prestige hinter seinen Schützling Menon stellte, aber acht Monate später wurden Kripalanis Anklagen durch den katastrophalen Zusammenbruch der indischen Verteidigung im Kampf gegen die Chinesen auf dramatische Weise bestätigt.

Auch der achtundfünfzigjährige Mino Masani und der dreiundfünfzigjährige Dr. Lohia waren ursprünglich führende Mitglieder der Kongreßpartei, gingen dann aber, weil sie Nehrus innen- und außenpolitischen Kurs für falsch hielten, ins Lager der Opposition. Der Parse Masani, ein Mann mit messerscharf geschliffenem Intellekt, vertrat das unabhängige Indien als erster Botschafter in Brasilien, wurde später Oberbürgermeister von Bombay und ist heute Generalsekretär der indischen Rechtspartei Swatantra. Dr. Lohia, der in Deutschland zum Doktor der Wirtschaftswissenschaften promoviert hat, gründete und führte die von den Prajasozialisten abgespaltene sozialistische Partei. Der eigenwillige Politiker wurde während des Krieges nicht – wie andere Kongreßführer – wegen passiven, sondern wegen aktiven Widerstandes gegen die britische Kolonialherrschaft eingesperrt. Aber er war auch später im unabhängigen Indien so unbequem, daß die Kongreßregierung ihn seit 1947 zwölfmal verhaften ließ. Bei den Wahlen von 1962 kandidierte und verlor Lohia im Zweikampf gegen keinen Geringeren als Ministerpräsident Nehru. Kripalani, Masani und Lohia mögen in manchen ihrer Programmpunkte unterschiedliche Auffassungen vertreten, allen gemeinsam ist jedoch ihr dezidierter Antikommunismus und ihre Verurteilung der vagen Konzeption indischer Bündnislosigkeit. Die Wahlsiege dieser drei Oppositionellen waren für Indien eine Sensation, und zwar deshalb, weil sie in bisher absolut sicheren Domänen der Kongreßpartei gegen sehr prominente Regierungsvertreter gewonnen und überdies – jedenfalls im Wahlkreis Kripalanis – unter dramatischen Umständen.

Kripalani kandidierte im Wahlkreis Amroha, dessen Bevölkerung zu nahezu vierzig Prozent aus Mohammedanern besteht. Der seit langem nominierte Gegenkandidat der Kongreßpartei wurde im letzten Augenblick durch einen Mann ersetzt, der bereits Sitz und Stimme im Parlament und noch ein Ministeramt besaß, durch Wasserbauminister Hafiz Mohamed Ibrahim, der überdies Führer der Kongreßfraktion im indischen Oberhaus ist. Seine Kandidatur wurde von Krishna Menon und Malaviya inszeniert und zwar allein in der Absicht, mit Hilfe des mohammedanischen Ministers die Stimmen der mohammedanischen Wähler für die Kongreßpartei zu gewinnen. Dieser Verrat an den säkularen Prinzipien der indischen Verfassung geschah zur gleichen Zeit, als die Regierung unter Berufung auf eben diese Grundsätze die pakistanischen Forderungen im Kaschmir-Konflikt ablehnte.

Der Versuch, aus religiösen Bindungen politisches Kapital zu schlagen, erwies sich jedoch als Bumerang; Kripalani errang fast doppelt so viel Stimmen wie sein mohammedanischer Gegenkandidat. Aber es war nicht der von allen hochgeachtete Hafiz Mohamed Ibrahim, der diese Niederlage erlitt, sondern sein Manager Krishna Menon und bis zu einem gewissen Grade auch Ministerpräsident Nehru, der es zumindest versäumt hatte, die fragwürdigen Manipulationen seines ehemaligen Verteididigungsministers zu verhindern.