Von Heinz Spielmami

„Wir behaupten, daß die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit reicher wurde: Um die Schönheit des Tempos. Ein Rennwagen, geschmückt mit seinen starken, Schlangen voll explosiven Atmens gleichen Röhren, ein brüllendes Auto, das aus einem Maschinengewehr zu schießen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake.“

Diese Sätze aus dem „Futuristischen Manifest“ Marinettis, am 20. Februar 1909 im Pariser „Figaro“ veröffentlicht, sind sicher die berühmteste Apotheose auf das Automobil „als Kunstwerk“. Die Museen, die Marinetti und seine Freunde zerstören wollten, nahmen das auf, was die Futuristen an ihre Stelle setzen wollten: das Automobil. Es wurde „museumsfähig“. Heute stehen – für kürzere oder längere Dauer – die Brüder des Ford T 4 unter einem Dach mit den Schwestern der Nike von Samothrake.

Für die Karosserien der Benzinfahrzeuge gibt es indessen immer noch keinen ästhetischen Formenkanon. Ihre Schönheit zu propagieren bleibt der Werbeannonce vorbehalten; die Kritik ihrer Mängel beschränkt sich auf die ihrer technischen Unzulänglichkeiten. Man teilt ein in Limousinen und Cabriolets, in Zwei- und Viertakter, in Vier- oder Achtzylinder, klassifiziert nach Pferdestär ken und Preisen; daß aber auch eine Typologie nach Formen sinnvoll und möglich ist, hat bisher kaum jemand bemerkt. Es gibt noch keine „Kunstkritik des Automobils“ als eines Gegenstandes der angewandten Kunst.

Und das nimmt wunder, wenn man – lächelnd oder ernst – beobachtet, mit welcher Leidenschaft sich Autokonsumenten engagieren, wenn es um die ästhetischen Eigenschaften ihrer Gefährte geht. Vermutlich liegt es an der Verquickung ästhetischer und funktionaler technischer Ansprüche. Man sieht gern – zu gern – die Formen der Karosserien als Ergebnisse zweckbedingter Überlegungen an und unterstellt, daß die Form deshalb so und nicht viel anders sein könne.

Aber gibt es nicht viele Möglichkeiten, eine Funktion zu erfüllen? Alle technischen Notwendigkeiten gewähren immer noch ein respektables Maß von Freiheit. Das beweisen ja die verschiedenen und ständig wechselnden Formen fast aller technischen Gebrauchsgeräte. Die Entschuldigung für eine häßliche Form mit technischen Argumenten ist nur das Eingeständnis dafür, daß die Phantasie versagt hat. Deshalb folgt hier der Versuch, die Entwicklung der Karosserien nur auf ihre äußere Form und ästhetische Wirkung hin zu betrachten.