Im "Bundesdorf" war für das Wirßdmftsministeriutn kein Platz; es mußte Hinauf "aufs Land" nach Duisdorf Über Dörfer und Felder — der Ortsfremde rechne vom Bundeshaus mit einer halbstündigen Anreise —, führt der "Weg. Wer freilich die verschlungenen Bonner Pfade kennt, kann — wenn die Bonner Bahnschranken nicht gerade geschlossen <ind — Duisdorf in einer Viertelstunde erreichen. Dort hat das Ministerium in der ehemaligen GallwitzKaserne "Unterschlupf" gefunden — zusammen mit Einheiten des Bundesgrenzschutzes. Weder diese Anfahrt noch der Anblick des Duisdorfer Kasernenkomplexes lassen wirtschaftswunderliche Gefühle aufkommen. Alles grau in grau, etwas trost- und schmucklos. Bis auf eine Kupferplastik, die etwas verloren eines der sechs Häuser "ziert" und einen alten Dreimaster auf hoher See darstellt — Symbol für alten Hansegeist und dynamisches Unternehmertum. Das ist die "Wirtschaftswunder Kogge", die, unbehelligt von Naturgewalten, stolz und zielbewußt ihres Weges zieht.

Die Bundeswehr lehnte dankend ab, als ihr die Übernahme der Kaserne angeboten wurde. Für ihre Zwecke nicht mehr brauchbar, so hieß es — aber für das Bundeswirtschaftsministerium (BWM) offenbar noch gut genug.

In einem dieser traurigen Gebäude residierte bis vor kurzem auch Professor Erhard. Doch nun ist er in einen modernen Neubau — Haus Nummer sieben — umgezogen. Das ist in der Sprache der Bediensteten des Ministeriums der "Baustoppbunker Ludwigslust".

Hier also wird die deutsche Wirtschaftspolitik "gemacht". Und da beginnt das Staunen aufs neue. Ausgerechnet die auf ihre freiheitliche Wirtschaftsordnung so stolze Bundesrepublik verfügt im BWM über einen gigantischen Behördenapparat, wie er in Europa seinesgleichen sucht. Im Ausland gibt es Fachministerien für Handel oder für Industrie, nichtaber für "Wirtschaft" schlechthin. In England ist es der Schatzkanzler, der die finanz- und wirtschaftspolitische Macht verkörpert — übrigens eine sehr sinnvolle Kombination.

Kurzum: Das Bundeswirtschafrsmlnisteriurn , ist ein bürokratisches Mammutgebilde, deshalb aber noch lange kein, "klassisches" Ministerium. Längst entschwunden sind doch die Zeiten der staatlichen Reglementierung des Außenhandels, der Preis- und Investitionskontrollen, der Deviseriüberwachung und der wirtschaftspolitischen Staatseingriffe. Damit ist aber auch ein Großteil der Verwaltungsarbeit entfallen, wie sie noch im früheren Reichswirtschaftsministerium, das ja im Grunde ein "Bewirtschaftungsministerium" war, zu leisten war.

Dabei kam das Reichswirtschaftsministerium in Berlin mit rund 700 Bediensteten aus, während das BWM für das doch viel kleinere Bundesgebiet bereits 1951 nicht weniger als 1282 Beamte, Angestellte und Arbeiter beschäftigte. Dieser Vergleich hinkt freilich deshalb, weil ja früher ein in die Tausende gehendes Beamtenheer in den regionalen Wirtschaftsämtern beschäftigt war.

Dennoch konnte man mit der fortschreitenden Liberalisierung der bundesdeutschen Wirtschaft eine Verringerung des Personalbestandes des BWM erwarten. Doch weit gefehlt, auch in diesem Ministerium trieb der Behördenperfektionismus seine Blüten. Im Jahre 1956 war das Personalheer des Ministeriums bereits auf 1382 Kräfte angewachsen, und bis 1963 hatten die Parkinsonsehen Gesetze zur Einstellung weiterer 210 Kräfte geführt. Heute beschäftigt das Ministerium 615 planmäßige Beamte, 808 Angestellte und 169 Arbeiter — also insgesamt 1592 Personen.