Die NATO-Streitmacht nach Ottawa: Reform oder Routine? / Von Theo Sommer

Ottawa, Ende Mai

An zwei Fronten hat sich die westliche Gemeinschaft letzte Woche aus ihrer winterlichen Erstarrung gelöst: bei der GATT-Welthandelskonferenz in Genf und bei der NATO-Ministerratstagung in Ottawa. An dem einen Konferenztisch wurde wirtschaftlich argumentiert, an dem anderen militärisch. Aber sowohl am Genfer See als auch in der kanadischen Hauptstadt ging es im Kern um die politische Frage: Wie soll das künftige Partnerschaftsverhältnis zwischen Europa und Amerika aussehen?

Weder in Genf noch in Ottawa sind schon endgültige Entscheidungen gefallen – allenfalls Vorentscheidungen. Über die GATT-Verhandlungen sagte Bundeswirtschaftsminister Erhard: „Wir haben uns über die Grundsätze und das Verfahren geeinigt, die bei der Durchführung der Kennedy-Runde angewendet werden sollen. Dies kommt einer Schale gleich, die wir mit Inhalt füllen müssen, und es stehen noch schwere und zeitraubende Verhandlungen vor uns.“ Die Landwirtschaftsprobleme sind vorläufig zurückgestellt – auch bei den Zollfragen gab es nur eine „grundsätzliche“ Einigung. Der neue Rahmen ist da, doch die Einzelheiten des Bildes müssen erst skizziert werden. Das wird noch manchen harten Verhandlungen bedürfen.

Nicht anders verhält es sich bei der NATO. Pessimisten könnten sogar sagen, sie habe sich nicht einmal über den Rahmen geeinigt, geschweige denn über die Einzelheiten des Bildes. In der Tat war es nach den langen Monaten der europäisch-amerikanischen Trübsal und der französischen Quertreibereien wohl die größte Leistung der in Ottawa versammelten Minister, daß sie ihre Konferenz ohne eklatante Krise beendeten. Kein Rückschritt war in diesem Falle auch eine Art von Fortschritt. Denn wo selbst die bloße Routine in Frage gestellt ist, da muß man schon ihre Fortführung als Erfolg buchen.

Zwei wichtige Entschlüsse

Nun mag Routine für den normalen Weiterlauf der Dinge ausreichen – für die kräftige Entwicklung des Bündnisses und die notwendige Neugestaltung seiner Grundlagen ist sie jedoch nicht genug. Hier stehen der NATO die eigentlichen Auseinandersetzungen erst bevor. Alles deutet darauf hin, daß die atlantische Allianz einer stürmischen Periode des Umdenkens und des Umbaus entgegengeht. Zwei Vorentscheidungen, die der NATO-Rat in der kanadischen Hauptstadt getroffen hat, weisen in jene Richtung der transatlantischen Partnerschaft, in der die Zukunft liegen muß. Die eine hat in der vergangenen Woche die Schlagzeilen beherrscht: Die Schaffung der sogenannten – oder vielmehr mit Rücksicht auf die Franzosen nicht so genannten – interalliierten Atomstreitmacht. Aber nicht minder wichtig war die andere: Der Beschluß, im Hauptquartier des strategischen Bomberkommandos zu Omaha eine Saceur-Verbindungsgruppe zu postieren, der auch europäische Offiziere angehören sollen.