EvM, Los Angeles, im Mai

Klein, dick, unansehnlich und nun 80 Jahre alt ist Amerikas erfolgreichstes Careerwoman, die ihre Karriere unter Geschöpfen vor. tropischer Schönheit, im Luxusmilieu der internationalen hohen Gesellschaft, der Aristokraten und Parvenüs machte. Wer hat nicht schon einmal von ihr gehört oder sie gesehen: Elsa Maxwell war selbst nicht reich, aber sie brachte den Reichen bei, Reichtum nicht allein als Macht zu genießen, sondern auch noch in den zweiten Teil unseres ernsten Jahrhunderts mit ihren Festen und Feiern Farbe, Amüsement, Jux und Albernheit zu bringen. Diese häßliche Amerikanerin ist intelligent, witzig und phantasievoll, sie kam auf die verrücktesten Einfälle und erfand „surrealistische Gesellschaften“. So versandte sie eines Tages in England Einladungen zu ihren beliebten Parties (die sie nie selbst bezahlte) mit der Aufforderung: „Kommen Sie so, wie Sie waren, als dieser Brief Sie antraf.“ Dies hatte zur Folge, so wird berichtet, daß am Festabend ein steinalter Lord in Sockenhaltern, eine Duchesse mit umgehängtem Gewehr, ein Gesandter mit ölbeschmierten Fingern, ein Politiker mit vorgebundener Serviette und natürlich eine berühmte Schönheit halbnackt erschien.

Unter den viel genannten Zeitgenossen, die diese berühmte Party-Gastgeberin zwischen New York, Paris und der Côte d’Azur kennen, sind nicht nur all die Namen aus den Magazinen von Onassis bis Windsor, nicht nur Filmstars, Kupfer- und Exkönige, sondern auch – sie ist, man merkt es, nun achtzig – Puccini, Kreisler, Gershwin, Djaghilew, Chaplin, Shaw (der sie „das achte Weltwunder“ nannte), Einstein, Churchill, Eisenhower (der sie als eine „Institution des öffentlichen Lebens der USA“ apostrophierte) und Willy Brandt. Sie soll auch Hitler und Mussolini getroffen haben, nicht ihnen, sondern dem ägyptischen Faruk aber hat sie auf eine Einladung geantwortet: „Mit Hanswursten, Affen und korrupten Gangstern pflege ich nicht zu verkehren“, und auch die Herzogin von Windsor, die in der „hohen Gesellschaft“ längst eine armselige Rolle spielt, hat sie öffentlich angepöbelt.

So hat die energische kleine Greisin mit ihrem Talent, Erfolgsmenschen mit Geld, Macht, Verstand und Begabung zu unterhalten und ihnen die Langeweile zu vertreiben, sich zu einem Original mit Prestige entwickelt. Sie liebt Frankreich, sie machte das Land im letzten Krieg durch viele Vorträge in Amerika populär und wurde dafür mit dem Orden der Ehrenlegion dekoriert. Ihre großen Geburtstage feierte sie im Maxim in Paris.

Sie bestätigte sich in ihrem langen Leben auch als Kinopianistin, als Schlagerkomponistin, Presseagentin, Beraterin von Modeschöpfern und als Schauspielerin ohne Talent. Sie hielt Vorträge und schrieb für Zeitungen und Magazine. Sie bekannte: „Weil ich häßlich bin, liebe ich die Schönheit. Ich bewundere Künstler und schöpferische Menschen. Ich habe sieben Präsidenten der USA gekannt, unterhielt Dutzende von gekrönten Häuptern, bin auf dem Du-Fuß mit der Hälfte der Hocharistokratie“ – aber ihre Memoiren sind leider ohne Distanz geschriebene freundliche Plaudereien. „She is a name dropper“, sagt man in Amerika, unermüdlich läßt sie große Namen fallen. So wird diese einflußreiche alte Frau, die nicht nur Karriere machte, sondern Karrieren startete und verhinderte, gutmütig oder mitleidig „Klatschtante, des Jahrhunderts“ genannt; aber als Zeiterscheinung geben sie und die schillernde Oberfläche der Welt, auf der sie lebt, uns Rätsel auf, die noch zu lösen sind. Sarkastisch versuchte Shaw, der diese Frau mit den Wieselaugen das achte Weltwunder nannte, das Wirken des Phänomens so zu erklären: „Sie hat die Hintertreppe nicht nur hoffähig, sondern geradezu zum Motor der oberen Zehntausend gemacht.“