Von Uwe Nettelbeck

Michel, ein junger Mann, Kabelleger beim Fernsehen, ohne große Ambitionen, ein bißchen doof, ein bißchen angeberisch, ein bißchen halbstark, gabelt zwei nette junge Mädchen auf. Er tändelt mal mit der einen, mal mit der anderen, doch mit keiner ernsthaft. Erstens liegt ihm das nicht, zweitens erwartet er seinen Stellungsbefehl, und da brächte jede feste Bindung doch nur Kummer.

Beim Fernsehen verpatzt er eine Sendung. Zurechtgewiesen, wird er frech – „weil ich ja doch bald meinen Rand halten muß“ – und geht, ehe er rausfliegt; macht noch schnell Ferien in Korsika. Die beiden Mädchen, Liliane und Juliette, fahren ihm kurz entschlossen unter fadenscheinigen Vorwänden nach, sie sind verliebt. Es wird ernster, Mißstimmung kommt auf, Eifersucht; die beiden Freundinnen haben plötzlich kleine Geheimnisse.

Die Einberufung ereilt Michel. Jetzt sind die Ferien zu Ende, alle Unbekümmertheit ist dahin, vorbei die süße Freiheit, eine Schattenlinie ist unwiderruflich überschritten, Michel ernst geworden. Zurück bleiben zwei kleine Mädchen, ein wenig traurig und ein wenig verwirrt.

Das ist alles, ist die ganze Fabel des Filmes „Adieu Philippine“ von Jacques Rozier.

Rozier, sechsunddreißig Jahre alt, arbeitet beim Fernsehen. „Adieu Philippine“ ist sein erster langer Spielfilm und der bisherige Höhepunkt der „Neuen Welle“.

Der Begriff „Neue Welle“ meint dabei nicht mehr als alle Filme von Jean-Luc Godard, François Truffaut und ihren Freunden, die die Redaktionsstuben der „Cahiers“ verlassen hatten, um es anders und besser zu machen als die Alten. Kein gemeinsamer Stil verbindet die jungen Regisseure, nur eine gemeinsame gesellschaftliche Situation – das erstarrte Frankreich vor und unter de Gaulle – und ein gemeinsamer Wille zur Aufsässigkeit.