Fragt man nach dem Eindruck, den die Börse in den letzten beiden Maiwochen hinterlassen hat, so werden die Aktionäre ihre Enttäuschung kaum verbergen. Sie stehen noch unter dem Eindruck, den die stürmische Hausse in der ersten Maihälfte erweckt hatte. Die mit den Kursen wieder gestiegenen Hoffnungen auf weitere schnelle Kursgewinne bestimmen noch immer die Einstellung vieler gegenüber dem Aktienmarkt. Seit dem am 13. Mai erreichten Höhepunkt der Hausse setzten wiederholt die Käufe nach einigen Tagen rückläufiger Kurse mit beachtlichem Schwung ein, so zuletzt am vergangenen Freitag. Leider kauften neben längerfristigen Anlegern auch viele spekulativ Eingestellte, die eine Wiederholung der Kurssprünge von Anfang Mai erhofften. Doch die Kraft des Aktienmarktes reicht für derartige Sonderbewegungen zur Zeit nicht aus, und das nachfolgende unruhige und tendenzlose Auf und Ab der Kurse enttäuschte nur erneut.

In den zum Teil überspitzten Erwartungen und der damit verbundenen Gefahr übereilter Verkäufe an schwächeren Börsentagen liegt eine erhebliche Belastung für eine stetige Weiterentwicklung unseres Aktienmarktes. Für den langfristigen Anleger, der März bis Anfang Mai auf Grund der noch relativ niedrigen Notierungen und der allmählichen Kursbefestigung Mut zu neuen Käufen gefaßt hatte, war die stürmische Frühlingshausse eher ein Schock. Für die Börse gilt es jedoch, das Vertrauen der langfristigen in- und ausländischen Anleger zu erhalten. Unter diesem Gesichtspunkt erscheinen die letzten beiden Börsenwochen weniger enttäuschend. Es ist während dieser Zeit vielmehr gelungen, auch auf dem gegenüber März/April erheblich gestiegenen Kursniveau die mehrfach einsetzenden Abwärtsbewegungen zu einem schnellen Ende zu bringen.

Ob sich nun z. B. das Kursniveau von Badische Anilin und Hoechster Farbwerke etwa bei der Fünfhunderter-Grenze einpendeln wird oder knapp darunter, werden die nächsten Tage erst zeigen. Entscheidend ist jedoch, daß sich auch die längerfristigen Anleger an dieses neue Niveau gewöhnt zu haben scheinen. Vor allem an den Tagen mit schwächerer Börsentendenz zeigte sich, daß Käufer überlegt und ohne offensichtlich kurzfristig spekulative Absichten auftraten. Wenn es sich bewahrheiten sollte, daß die langfristigen Anleger in größerem Umfang auch bei den um 20 bis 30 % gestiegenen Kursen ihr Interesse an deutschen Werten behalten haben, so kann gerade aus der Entwicklung der letzten Wochen ein grundsätzlich positives Urteil für die weitere Börsenentwicklung gezogen werden.

Bei der Auswahl der einzelnen Werte zeigte es sich wieder einmal, daß es lohnend war, Aktien zu kaufen, deren Gesellschaften in nächster Zeit einen günstigen Abschluß veröffentlichen konnten. Musterbeispiel hierfür waren die Bauwerte: überragend gute Abschlüsse für 1962 ermöglichten Dividendenerhöhungen, günstige Bezugsrechte und wirkten sich an der Börse in Kurssprüngen von 70 bis 100 Punkten aus. Die meisten der Baugesellschaften haben ihre mit dem Abschluß zusammenhängenden Entscheidungen bereits bekanntgegeben. Noch stehen Lenz-Bau, AHI-Bau und Julius Berger aus.

Wie immer gab es auch entgegengesetzte Beispiele (wenn auch in sehr viel geringerer Zahl). So hat die Bekanntgabe des wahrscheinlichen Dividendenausfalls und Verlustausgleichs bei der Reichhold-Chemie AG an der Börse das spekulative Moment dieser Aktie eher steigen als sinken lassen. In Erinnerung an die recht extremen Kursausschläge mittlerer und kleinerer US-amerikanischer Gesellschaften bei der Bekanntgabe von außergewöhnlichen Geschäftsergebnissen, erhofft man sich auch bei dieser deutschen Tochter eines amerikanischen Konzerns einen schnelleren Wechsel der Verhältnisse, als sonst üblich.

Eine weitere Erfahrung aus den letzten Tagen ist, daß bei vielen Anlegern Rendite-Überlegungen wieder etwas in den Hintergrund getreten sind. Dieser Wandel mag auch darauf beruhen, daß in den meisten Depots heute der Anteil der festverzinslichen Werte wesentlich größer ist als vor einigen Jahren. Allerdings scheint der Bedarf an Rentenwerten noch nicht gestillt, wie die auch für Bankkreise überraschend große Nachfrage von privaten Zeichnern aus dem Inland nach der sechsprozentigen Anleihe der Deutschen Bundesbahn bewiesen hat. W. M.