Von Peter Bürger

Mit Baudelaire, Verlaine, Rimbaud und Mallarmé beginnt die Erneuerung der europäischen Dichtung, und man kann nicht über moderne Lyrik sprechen, ohne sie in das Koordinatennetz dieser vier großen französischen Neuerer einzuordnen. Der Sachverhalt ist bekannt, weniger jedoch sind es die Werke jener Dichter und ihrer Nachfolger.

Zwei Taschenbücher geben die Möglichkeit einer ersten Begegnung:

„Von Baudelaire bis Saint-John Perse“, französische Gedichte und deutsche Prosaübertragungen, ausgewählt von Mayotte Bollack, übersetzt von Bernhard Böschenstein und Jean Bollack; Verlag S. Fischer, Frankfurt; 211 S., -2,40 DM

„Das französische Gedicht des 19. und 20. Jahrhunderts“ – Eine zweisprachige Anthologie, ausgewählt und übertragen von Max Rieple; Goldmann Verlag, München; 106 S., 2,20 DM.

Äußerlich ähneln die beiden Ausgaben einander, Thema und Aufmachung sind etwa die gleichen. Beide Bände wenden sich an den gleichen Leserkreis oder – wie es in der nationalökonomischen Terminologie der modernen Ästhetik heißt – an den gleichen Konsumenten.

Eine zweisprachige Ausgabe ist im wahrsten Sinne des Wortes eine zwiespältige Angelegenheit. Sie wendet sich nicht an den Kenner der fremden Sprachen, aber auch nicht an den, der gar nichts von ihr weiß, sondern an einen Leser, dessen Fremdsprachenkenntnisse nicht ausreichen, um das Original zu lesen, der aber doch nicht auf das Original verzichten will – oder aber sie wendet sich an den Snob. Dieser liest zwar die Übersetzung, hat aber zugleich die Illusion, das Original bei der Hand zu haben (man denke an die zweisprachigen Luxusausgaben der zwanziger Jahre).