Mathematische Ehrenrettung für eine phantastische Theorie

Von Thomas v. Randow

Der Mond war ursprünglich ein Planet der Sonne und er würde es auch heute noch sein, wäre er nicht eines Tages der Erde zu nah; gekommen. Als nämlich dies geschah – vor mehreren Jahrmilliarden – wurde der Mond von der irdischen Gravitationskraft eingefangen, und seitdem kreist er als Satellit um unseren Globus.

Diese Hypothese vom Ursprung des Erdtrabanten, die eine Reihe astrophysikalischer Phänomene erklären würde, klingt zwar plausibel, sie ist es aber in Wirklichkeit nicht. Dem ein Planet, der plötzlich in den Bann eines anderen Himmelskörpers gerät, muß aus physikalischen Gründen diesen auf einer höchst exzentrischen Bahn umlaufen. Wenn also der Mond in dieser Weise eingefangen wurde, dann muß eine Kraft auf ihn gewirkt haben, die den Trabanten allmählich in seine gegenwärtige, fast kreisförmige Bahn zwang. Hier aber hapert es mit der Theorie.

Der Einfluß von Ebbe und Flut

Wohl gibt es eine solche bahnbeeinflussende Kraft: die Gezeitenreibung. Sie hat ihre Ursache in der von der Mondanziehung bewirkten Verformung der Erde, die sich in den Gezeiten äußert, in Ebbe und Flut der Meere und im Heben und Senken der Erdrinde. Die den Globus ständig umlaufenden Beulen – die Flutberge an den dem Mond zu- und abgewandten Seiten – beeinträchtigen in sehr komplizierter Weise, die Erdrotation und damit auch die Mondbahn.

Doch bei einem Satelliten, der seinen Planeten im gleichen Drehsinn umläuft, in dem dieser rotiert – und genau das ist beim Mond der Fall –, bewirkt die Gezeitenreibung eine Vergrößerung der Umlaufbahn, also gerade das Gegenteil von dem, was erforderlich gewesen wäre, um den flach elliptischen Umlauf des eingefangenen Himmelskörpers in einen fast kreisförmigen zu verwandeln.