Kein Künstler ohne Memoiren – das ist seit langem eine Art Anstandsgebot. Natürlich ist das Bedürfnis, allzu schnellem Vergessenwerden vorzubeugen, besonders verständlich, wenn es sich um einen reproduktiven Künstler – Musiker, Dirigenten, Sänger, Pianisten, Geiger oder was sonst – handelt. Literarische Vermächtnisse solcher Persönlichkeiten haben um so mehr Anspruch auf Beachtung, wenn entweder die Schilderung ihres Lebens hinreichende Unterhaltung gewährt oder aber die Mitteilung fachlicher Erfahrungen dem Buche pädagogischen Wert verleiht. Bei

Walter Gieseking: „So wurde ich Pianist“; Verlag F. A. Brockhaus, Wiesbaden; 147 S., 35 Abb., 15 Notenbeispiele, 12,50 DM

kann man von einer aufregenden Unterhaltsamkeit des Lebenslaufs kaum sprechen. Interessant wird höchstens manchen Lesern sein, zu hören, daß der meist als Urgermane und geeichter Teutone mißverstandene Klaviermeister zwar aus westfälischem Geschlecht stammt, doch in Lyon geboren wurde, seine ganze Kindheit im Ausland verlebte und zeitlebens eigentlich ein international empfindender „Weltbürger“ blieb.

Was er im übrigen im biographischen Teil seiner Erinnerungen erzählt, ist fast ausschließlich Entwicklungsgeschichte – die ist freilich ungewöhnlich genug. Die Lebensbeschreibung endet mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Die unerläßlichen restlichen Daten ergänzte Giesekings Tochter Jutta Hajmássy. Den zweiten Teil des Buches füllen (neben den Verzeichnissen der eigenen Kompositionen, der Schallplatten- und Tonbandaufnahmen) zehn Aufsätze über allgemein musikalische und speziell klaviertechnische Probleme. Darin sind nun wirklich eine Menge Feststellungen, Anweisungen und Winke enthalten, die man dem Pianistennachwuchs wärmstens ans Herz legen möchte. Einschließlich der indirekt hier vorgelegten Urteilsgrundlagen, die diesen großen Künstler befähigten, aus dem zeitgenössischen Schaffensangebot herauszufinden, was Gewicht hat und die Mühe des Einsatzes lohnt.

Walter Abendroth