A.d.F., Rom, Ende Mai

Wird Aldo Moro, der Generalsekretär der Democrazia Cristiana, der am vergangenen Wochenende von Staatspräsident Segni zum Regierungschef designiert wurde, seinen Auftrag erfüllen können? Das ist die Frage, die nun in Rom erörtert wird. Denn zwischen den Parteien der Koalition des linken Zentrums, die wieder die Regierung bilden sollen, und den Nenni-Sozialisten, die dieser Koalition der christlichen Demokraten, Sozialdemokraten und Republikaner durch ihre Stimmenthaltung zu einer knappen Mehrheit im Parlament verhelfen müßten, bestehen erhebliche Meinungsverschiedenheiten.

Moro war der einzige Kandidat, den die Vorsitzenden der Senats- und Abgeordnetenfraktion dem Staatspräsidenten vorschlugen. Er hatte sich ihnen als Regierungschef durch die Offenheit empfohlen, mit der er die politischen Probleme nach der von ihm keineswegs beschönigten Niederlage der Democrazia Cristiana dem christlich-demokratischen Nationalrat darlegte. Eine Änderung der Politik der „linken Mitte“, die aus den Wahlen vom 28. April geschwächt hervorging, lehnt Moro freilich strikt ab. Für ihn muß das begonnene Experiment weitergeführt werden – in der Hoffnung auf eine demokratische Besinnung der Nenni-Sozialisten, die bisher immer noch mit den Kommunisten in den Gewerkschaften und in rund 2000 Gemeindeverwaltungen zusammenarbeiten. Diese Zweideutigkeit muß, so verlangte es Moro, aufhören.

Über das Programm seiner Regierung hat sich Moro dagegen bisher nur auf Andeutungen beschränkt: Außenpolitisch beteuerte er eine „wirksame“ Treue zur NATO und zu Europa. Innenpolitisch will er die Stabilität der Lira verteidigen. Außerdem tritt er für eine soziale Erneuerung und die Wiederherstellung der öffentlichen Moral ein, wobei er wohl an die vielen Skandale in der staatlichen und städtischen Verwaltung denkt.

Wie wird Moros Angebot von den Nenni-Sozialisten aufgenommen werden? Generalsekretär Nenni gibt sich alle Mühe, die Fäden zu den demokratischen Parteien nicht abreißen zu lassen, aber selbst die Gefolgsleute sind gegen einen völligen Bruch mit den Kommunisten. Nach Ansicht des Gewerkschaftlers Santi darf die Isolierung der KPI nicht das Ziel der Koalition der „linken Mitte“ sein. Auch der Abgeordnete Lombardi, einer der Führer der Autonomisten – jener Gruppe innerhalb der Sozialistischen Partei, die für eine Selbständigkeit gegenüber der KPI eintritt – vertritt diese Auffassung.

Moro steht also vor einer schweren Aufgabe. Wenn die von ihm als einzige Lösung nach den Wahlen bezeichnete Formel der „linken Mitte“ nicht doch, noch begraben werden soll, muß er sie, allen Widerständen zum Trotz, lösen.