Los Angeles, im Mai

Wir saßen im weichen Polster und hörten aus Lautsprechern, die wie Pilze aussahen und neben jedem Auto standen, Orgelmusik. Etwa 300 Wagen parkten an diesem hellen kalifornischen Sonntagmorgen im Halbrund auf einem amphitheatralischen Platz, der mit grobem, grauem Kies bedeckt war. Vor der breiten Glasfront an der Ostseite des neuen Kirchengebäudes, in geringer Entfernung von der vordersten Reihe der Autos, sprangen zwölf Fontänen aus dem Wasserbecken, die von Rasen und leuchtenden Blumen umgeben waren. Ein tiefbraunes Kreuz und vier auskragende, etwas schmächtige Betonstangen, die die Glocken hielten, überragten den Bau. Im Inneren dieses Gotteshauses aus Stahl und Glas und einer vertikal aufgeschichteten Wand aus schmal behauenen Feldsteinen saß die andere Hälfte der Gemeinde auf ebenfalls weich gepolsterten Kirchenbänken, denn sie sollte es nicht schlechter haben als die Leute in ihren Autos.

„Europäern muß es gewiß fremdartig vorkommen, daß Amerikaner das Auto in den Gottesdienst einbeziehen“, sagte der Architekt Richard Neutra, der neben mir im Wagen saß, während wir auf den Beginn des Gottesdienstes warteten. „Aber sie kommen über weite Distanzen zur Kirche“, fuhr er fort, „sie kommen alle im Auto, das für sie ein vertrauter Gegenstand und so etwas wie ein zweites, ein rollendes Haus ist. Es gibt in Kalifornien keine Gemeinde, die um den Kirchturm herum lebt.“

Tatsache ist, daß die meisten Kirchen ganz verloren aussehen neben den weiten, grauen Parkflächen, während die „Autokirche“ im Außenbezirk von Los Angeles durch ihre amphiteatralische Form mit Büschen und Blumen dazwischen und den Farbflecken der Lautsprecherpilze ganz einladend wirkt. Die Abfahrt ist geordnet und leicht. Die Idee, den Familienwagen auch bei dieser Gelegenheit nicht zu verlassen, ist Amerikanern, jedenfalls Kaliforniern, ebenso natürlich wie die Drive-in-Banken, Drive-in-Restaurants und Drive-in-Theater.

Tatsächlich hatte der Hauptpfarrer dieser ursprünglich reformierten Gemeinde, die sich aber heute Community Church nennt und ihr Gotteshaus allen geöffnet hat, die beten wollen, Reverend Robert Schuller, zuerst von dem Dach des Gebäudes eines Drive-in-Kinos gepredigt, das in dieser noch etwas ländlichen Gegend inmitten von Orangenhainen steht. Auch die neue Drivein oder, vielleicht besser: Open-Air-Church, grenzt an einen Orangenhain, doch ist es fraglich, wie lange noch. Immer mehr Farmer in der Nähe von Los Angeles verkaufen ihr Land an Newcomer oder Bodenspekulanten.

„Zu jener Zeit, als ich noch in dem Drive-in-Kino predigte und unsere Gemeinde erst zusammenwuchs“, erzählte mir Reverend Schuller, den ich am Tag vorher getroffen hatte, „beobachtete ich, daß die Familien gern ihre kleinen Kinder mitbrachten, auch Babys, weil sie keine Babysitter haben. Wir haben aber in Garden Grove für die Konservativeren, die nicht im Auto bleiben wollen, auch einen Kindergarten und Aufenthaltsräume für größere Kinder eingerichtet, neben der Sonntagsschule, die mit der Kirche den stillen Innenhof bildet.“

In diesem Patio ist das Motiv der Wand mit den Feldsteinen wieder aufgenommen. Ein Teil des vorstehenden Daches scheint sich nur mit wenigen Millimetern darauf zu stützen. Überhänge schweben scheinbar in der durchsichtigen Luft wie Spitzen von Flugzeugschwingen, was den für die Neutrasche Bauweise typischen Eindruck eleganter Leichtigkeit erzeugt und den unmerklichen Übergang von Draußen und Drinnen, von Architektur und Natur. Aus der Steinwand springt Wasser, und das Plätschern dringt bis in das Amtszimmer des Reverends. Er hat ein schmales subtropisch üppiges Gärtchen, halb so groß wie sein Zimmer, unmittelbar vor der weit offenen Glaswand. Aber wenn er sich sammeln, wenn er meditieren will, kann er die Glaswand schließen. Und eine zweite gläserne Wand schließt, wenn man will, auch das Gärtchen von dem steinernen Innenhof ab; dann sieht man die bizarren Gewächse nur noch schattenhaft durch das matte Glas schimmern.