Von Richard Moering

Mithelfen, dem reformatorischen Glauben eine dem modernen, seit Luther so tief verwandelten Weltbild angemessene „neue Denkgestalt“ zu erringen, indem es sich ohne Vorbehalt auf den geistigen Boden des zwanzigsten Jahrhunderts stellt, das will das Buch von

Emanuel Hirsch: „Das Wesen des reformatorischen Christentums“; Verlag Walter de Gruyter & Co., Berlin; VII + 270 S., 18,– DM.

So dient es, unter Verzicht auf jede konfessionelle Auseinandersetzung mit dem römischen Christentum, rein der innerevangelischen Verständigung, wobei es sich Schleiermachers Standpunkt zu eigen macht: daß allein die klare Herausarbeitung des Wesensunterschiedes zwischen evangelischem und katholischem Glaubensverständnis das reformatorische Christentum am Leben erhalten könne – zumal in seiner durch „die verwirrte Ideologie der ökumenischen Bewegung“ bedrohten gegenwärtigen Lage.

Das Buch ist so geschrieben, daß jeder nachdenkende Laie es verstehen kann. Besonders kennzeichnend für die Denkweise des Verfassers ist der das ganze Werk beherrschende Leitbegriff des „Überlehrmäßigen“, der im Bereich der Ewigkeitsfragen das Verhältnis zwischen Lehre und Lebensgestalt tiefer zu fassen gestattet, indem er etwa den Grundwiderstreit zwischen evangelischem und katholischem Glaubensverständnis nicht vorwiegend an Hand der einander widersprechenden Lehrartikel entwickelt, wie es dem sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert natürlich war, sondern ihn aus einer ursprünglicheren Gegebenheit, dem Ganzen einer geschichtlichen Lebensgestalt, begreiflich macht, an welcher „die dazugehörende Lehre“ nur als der hinausgespiegelte ’Reflex der innerlich-geisthaften Wahrheit und nur als ein Moment im Ganzen der lebendigen Glaubensgestalt erscheint.

Halten wir uns an diesen Leitbegriff, so wird uns die vorwiegend als lehrmäßig erscheinende Altgestalt des reformatorischen Glaubens gleichsam zu einem Wegweiser, der uns auf ihren Kern- und Quellpunkt verweist: den lebendigen Geist des Herzens und Gewissens. In der Lutherschen Unterscheidung von geschichtlichem und von aneignendem Glauben ist der Begriff des Überlehrmäßigen bereits vorgeformt.

Der solchermaßen als überlehrmäßig bestimmte Gegensatz katholischer und evangelischer Frömmigkeit wird nun in den ersten sechs Kapiteln des Buches durchgeführt an den einzelnen Begriffspaaren „Evangelisch und katholisch“; „Rechtfertigung allein aus dem Glauben“ und „Beichtbuße“; „Gleichzeitigkeit des Glaubens mit dem Gekreuzigten“ und „Sakrament des Altars“; „Evangelische Freiheit“ und „Papstgewalt“; „Gemeinde der Heiligen“ und „Heiligendienst“. Vier weitere, die antithetische Form der Gedankenführung verlassende Kapitel: „Tod und Ewigkeit“, „Die Vollmacht des Geistes und das Bestehende“, „Die Selbstbegrenzung des reformatorischen Christentums“ und, abschließend, „Predigt, Andacht, Gebet“ vertiefen die in der ersten Hälfte des Buches ausgebreitete Gedankenfülle.