Für die Wiener Opernfreunde sind die Karajan Krisen zu einer lieben Gewohnheit geworden. Sie pflegen etwa zweimal jährlich auszubrechen, ziehen mit Donnergrollen zwischen Opernring und . Unterrichtsministerium hin und her und enden nach mitunter ermüdendem Hinauszögern mit einer Lösung, die niemand erwartet hätte und die auch keine ist.

An dem Karajan-Alarm, der diesmal die Wiener Festwochen einleitete, war vor allem der Auftakt ungemein spektakulär: Eine „Meistersinger-Aufführung, die nicht anfangen konnte, weil kein Walter Stolzing da war, dem man „Fanget an!“ hätte zurufen können.

Wolfgang Windgassen hätte an diesem Abend am Opernring eintreffen sollen. Als er nicht kam und sich auch keine andere Besetzung anbot, mußte man das Publikum freundlich bitten, sich wieder nach Hause zu bemühen.

Hinterher erklärte Windgassen, er sei nicht bindend engagiert worden und überdies indisponiert gewesen; die Oper hingegen, man habe zwar mündlich, aber in verbindlicher Form sein Auftreten fixiert.

Karajan weilte zu jener Zeit in Ischia, sein Ko-Direktor Schäfer lag krank danieder.

Unterrichtsminister Drimmel, der ungeordneten Verhältnisse an der Staatsoper überdrüssig, zitierte Karajan nach Wien, und für eine kurze Weile sah es nach Demission aus. Aber nur für eine kurze Weile. Dann reiste der Maestro wieder ab, und die Öffentlichkeit erfuhr, bis zum 15. Juni solle „eine grundlegende Neustrukturierung der Direktion der Staatsoper“ durchgeführt werden.

Erst später wurde bekannt, daß zwar Karajan bleiben und sogar jenen vielzitierten Vertrag unterschreiben werde, den niemand kennt und von dem bei jeder neuen Opernkrise geheimnisvoll geraunt wird (Karajan leitet bekanntlich das Institut nun schon sieben Jahre ohne jegliche vertragliche Bindung). Hingegen gedenke er sich von Schäfer zu trennen, obgleich er noch vor Jahresfrist erklärt hatte, er „stehe und falle“ mit seinem Stuttgarter Mitarbeiter. Gerade Schäfer war es, der ein Jahr lang versucht hat, in den vom Zufall regierten Gastierbetrieb die Tragpfeiler einer vernünftigen Repertoire- und Ensemblebildung einzuziehen. Karajans neueste Improvisation: Doktor Jucker vom Zürcher Stadttheater soll als Verwaltungsdirektor den Platz neben ihm einnehmen.