Von Werner Ross

Der Held von Bölls neuem Roman, der Clown Hans Schnier, hat eine verblüffende Eigenschaft: Er kann durchs Telephon Gerüche wahrnehmen. Kohlgeruch oder Patschouli, was es auch sei, seine Nase wittert es durch den Hörer.

So mystisch diese Eigenschaft scheint, so verräterisch ist sie für die besondere Begabung auch des Autors, der Hans Schnier erzeugte: Er „riecht“ Milieus mit jener untrüglichen Sicherheit, die sonst nur Hundenasen auszeichnet. In der Erfassung „echter“ Details hat er nicht seinesgleichen. Während andere Autoren Stilnebel übers Bild sprühen wie Uwe Johnson in seinen „Mutmaßungen“, damit es kunstvoll unscharf wird, oder drastisch aus der Tube Farbe auftragen wie Graß in der „Blechtrommel“, liefert Böll saubere Momentaufnahmen, Schnappschüsse, bei denen man bewundernd „Donnerwetter!“ sagt.

Umgangston und Seelenregung, Anekdote und Atmosphäre – er trifft’s. Natürlich muß der Stil darunter leiden.

Es ist das Problem des „Naturalisten“, daß er zwischen der ungeschminkten und der künstlerisch veredelten Wirklichkeit zu wählen hat. Hauptmann hat sich damit geplagt, Fontane kam damit zurecht, indem er seinen Figuren das eigene Plaudertalent lieh, Hemingway hat es nicht ganz ohne Manier geschafft.

Böll könnte ihr Nachfolger werden. Soll man nach diesem letzten Roman sagen: hätte ihr Nachfolger werden können?

Die Bonner Nachkriegsgesellschaft gab den Stoff. Kein Juvenal war dazu yonnöten, denn die Laster halten sich in biederbürgerlichen Maßen, der Sumpf ist eher Matsch. Als Koeppen das „Treibhaus“ schrieb, trug er viel zu dick auf. Fontane 1963 wäre der Richtige; der hatte auch die Gründerjahre aufs Korn genommen, eine wankende Welt, und ein Panorama davon hinterlassen, daß selbst wir mit, unseren Allerweltsnasen wittern: Ja, so war’s. Bölls Köln und Bonn könnten uns den Prälaten Sommerwild und den Fabrikanten Schnier so unzerstörbar konservieren wie Fontanes Berlin die literaturlüsterne Frau Jenny Treibel und ihren kommerzienrätlichen Gemahl.