Horst Krüger: „Hat die Linke noch eine Chance?“, ZEIT Nr. 20

Krüger behauptet, breiten Schichten unserer Arbeiterschaft fehle jedes individuelle Aufstiegsstreben. Gegen diese Behauptung sprechen u. a. der überaus starke Andrang zu den Berufsaufbauschulen, welche Volksschüler auf die Fachschulreife vorbereiten, und die zahlreichen Kurse der Gewerkschaften zur beruflichen. Fortbildung. Schelsky bezeichnet in „Die skeptische Generation“ den Willen zum sozialen Aufstieg, der schön früher den Mittelstand, das Kleinbürgertum und die Arbeiterschaft beherrscht habe, als allgemeines Kennzeichen der heutigen deutschen Sozialverfassung. Unter Hinweis auf die Untersuchungen von H. Kluth über die Arbeiterjugend stellt Schelsky ferner fest, die Mehrzahl der jungen Arbeiter glaube fast vorbehaltlos an die Möglichkeit des Aufstiegs, weil sie diese Möglichkeit allenthalben bestätigt zu finden meine.

Krüger beruft sich für seine weitere These, ein Überwechseln von einer Schicht zur anderen sei nach wie vor außerordentlich schwierig, auf eine offenbar bisher noch nicht veröffentlichte Untersuchung von Dr. Helge Pross über die soziale Schichtung in der Bundesrepublik. Es wäre zu prüfen, auf welchem Material diese Untersuchung beruht und für ein Überwechseln zwischen welchen Schichten die Zahl von 1,5 Prozent gelten soll. Nach Schelsky waren 1955 immerhin 7,1 Prozent aller männlichen Studierenden an Hochschulen der Bundesrepublik Söhne von Arbeitern (einschl. Werkmeistern).

Sicher gelingt ein Aufstieg von ganz unten nach ganz oben in einer Generation nur selten. In der Regel vollzieht sich der soziale Aufstieg stufenweise in mehreren Generationen. Das zeigt auch die von Krüger zitierte Untersuchung über die soziale Herkunft von Oberlandesgerichtsräten, nach der etwas mehr als ein Drittel aus der unteren Mittelschicht stammen. Schelsky weist in seinem erwähnten Werk ferner daraufhin, daß der „generationsstufenhafte Aufstieg“ nicht nur der Normalfall gegenüber einem unmittelbaren Aufstieg aus den geringst- in die höchstqualifiziertesten Berufsschichten sei, sondern auch gewisse Vorteile aufweise.

Jedenfalls ist das Bestreben, allen Begabten gleiche Bildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten zu eröffnen, durch die Schulgeld- und Lernmittelfreiheit an Mittel- und höheren Schulen und die Studienförderung nach dem Honnefer Modell bereits weitgehend verwirklicht worden.

Dr. Helmut Glässing, Hamburg

Eine bemerkenswerte polnische Parallele zu den ausgezeichneten, kritischen Untersuchungen über Möglichkeiten und Chancen der Linken innerhalb der gesellschaftlich veränderten Situation der Bundesrepublik stellen die provozierenden und heftig umstrittenen Thesen des jungen Warschauer Philosophen Leszek Kolakowski dar. Sie leiteten seit dem berühmten „Tauwetter“ 1956 unter der polnischen Intelligentsia eine Neubesinnung auf die Grundlagen des Marxismus ein.