Von Hans-Urs von Balthasar

In unserer durch das Buch des anglikanischen Bischofs von Woolwich, „Honest to God“, ausgelösten Diskussion vertrat zuletzt (in der Nummer vom 10. Mai) der bedeutende Marburger Protestant Professor Dr. Rudolf Bultmann die These, die wir in den Untertitel seines Artikels gesetzt hatten: „Die mythologische Sprache der alten Tradition muß entmythologisiert werden.“ Ganz anderer Ansicht ist da der katholische Schriftsteller und Baseler Dozent für systematische Theologie Hans-Urs von Balthasar, dem wir heute zur Sache das Wort geben.

Das viele Gerede über „Entmythologisierung“ ist ein Armutszeugnis für das Denken von heute, weil niemand überlegt, was er vorgängig unter Mythos versteht. Mythos heißt Wort, Aussage, Erzählung, vornehmlich über Gott. Treibt man den Mythos aus, so treibt man das Wort aus. Es gibt aber kein Wort ohne begleitende, tragende Vorstellung, ohne Bild, wenngleich beide verschieden sind: das Wort Ausdruck des Geistes, der Person, das Bild der lebendigen Sinnensphäre angehörend, worin menschlicher Geist immer west.

Keins der alten Völker hat das menschliche Dasein anders auslegen können als im Dialog mit dem Göttlichen.

Für die Griechen bestand eine unüberschreitbare Kluft zwischen den Unsterblichen (die wir nicht sind und nie werden können) und den Sterblichen, deren Dasein; zwar geistig ist und doch ganz durch den Tod bestimmt wird: ein so furchtbarer Widerspruch, daß er nur durch eine dauernde Emporbeziehung zu den Göttern gesänftigt und mit einem wenigstens partiellen Sinn begabt werden konnte.

Grundsätzlich anders ist es im Judentum nicht, nur daß die Ausfächerung des Göttlichen in die Vielheit der Lebensbereiche (Gott des Rechts, der Familie, des Eros, des Krieges und so fort) sich hier mächtig zusammenrafft zu einem ewigen, frei, wollenden und verfügbaren Subjekt, wo für andere Völker zuletzt doch nur ein namenlos waltendes, blindes Schicksal stand.

Aber sowohl Athene, die sich Odysseus offenbarte, wie Jahwe, der durch die Propheten zum Volk Israel sprach, haben – wie sich von selbst versteht – in für den Menschen verständlichen Worten (samt den diesen zugehörigen Bildern, Gebärden, Gleichnissen) geredet: Denn wie sollte sich das Göttliche Menschen verständlich machen, wenn nicht durch Menschenförmiges (Anthropo-morphes) hindurch? Wenn aber schon ein menschliches Du die Macht hat, durch die gemein-menschliche Wort- und Gebärdesprache hindurch seine freie Personalität unzweideutig kundzutun, um wieviel mehr Gott – vorausgesetzt, daß es ihn, die freie Ur-Personalität, als Ursprung und Grund alles weltlichen Seins wirklich gibt?