Von Rochus Spiecker

Noch ist die Diskussion über Rolf Hochhuths „Der Stellvertreter“ nicht verebbt, da erscheint bei Rowohlt Carl Amerys Buch „Die Kapitulation – oder: Deutscher Katholizismus heute“ (rororoaktuell, mit einem Nachwort von Heinrich Böll; 127 S., 2,20 DM). Auch dieses Buch wird, so sehr es sich im Tonfall und Gehalt von Hochhuths Theaterstück unterscheidet, eine harte Debatte auslösen. Das folgende Gespräch zwischen P. lect. Dr. theol. Rochus Spiecker und P. lect. Dr. phil. Willehad Eckert versucht, den Problemkreis des Buches zu skizzieren. P. Eckert doziert Philosophiegeschichte an der Albertus-Magnus-Akademie in Walberberg und ist, als Mitglied des Thomasinstitutes der Universität Köln, mit einem geschichtlichen Forschungsauftrag betraut. Er gehört zum Vorstand der Kölner Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, trat durch Publikationen zum Verhältnis zwischen der Kirche und dem Judentum hervor und wurde jüngst vom Kongreß für die Freiheit der Kultur zu einer Diskussion mit Hochhuth in Köln eingeladen.

„Ich hoffe, hier nicht die ständige absurde Beteuerung wiederholen zu müssen, daß niemand angeklagt werden, daß niemand verurteilt werden, daß der Kirche nicht am Zeug geflickt werden soll. Wenn es nicht um die Kirche ginge, gäbe es überhaupt keinen Grund, dieses Buch zu schreiben!“ Carl Amery

SPIECKER: Es wäre verwunderlich, wenn – durch Amerys Analyse – neben dem sachlich begründeten „Für“ und „Wider“ nicht auch Emotionen in Wallung gerieten. Dabei wird es sich kaum vermeiden lassen, daß Amery manchen Beifall findet, der ihm eher peinlich als angenehm sein dürfte, und manchen Vorwurf, der ihn schmerzen wird, weil er ihm ungerechtfertigt erscheint. Es ist nicht unsere Aufgabe, Amerys Buch gleichsam „amtlich“ zu beurteilen. Es wäre auch nicht gut, Einzelpunkten der Debatte vorgreifen zu wollen. Aber vielleicht ist es nützlich, in einem Gespräch einige Warnlampen aufzustellen, die den Freunden wie den Gegnern des Buches behilflich sein können, damit sich die zu erwartende Diskussion nicht unnötig in Sackgassen verrennt. Zunächst wird mancher schon an der Tatsache, daß hier ein Laie Kirchengeschichte beurteilt, Anstoß nehmen. Was würden Sie zu diesem Einwand sagen?

ECKERT: Warum nicht ein Laie? Diesem Einwand würde ich – sofern er grundsätzlich gemeint ist – nicht zustimmen. Ich erinnere an die heilige Katharina von Siena: eine Frau, die nicht einmal, im strengen Sinne, Nonne war. Aber was für eine scharfe Sprache hat sie geführt – selbst Vor Kardinälen! Und doch ist es nicht zuletzt ihrer Kritik zu verdanken, daß der Papst aus Avignon nach Rom zurückkann.

Außerdem suggeriert der Einwand die irrige Vorstellung, als ob nur die Hierarchie oder der Klerus die Kirche ausmachte. Zum Volke Gottes gehört der Laie. Auch der Laie ist, auf seine Weise, Glied der Kirche: mitverantwortliches Glied. Er ist nicht nur „Objekt“ der Obrigkeit, nicht nur „ausführendes Organ“.

Warum sollte also nicht ein Glied der Kirche in einer kritischen Zeit sich kritische Gedanken machen zur Geschichte der Kirche, deren Verantwortung er mitträgt? Allerdings erfordert solche Kritik vom Kritiker, vor allem wenn er sie öffentlich vorträgt, Voraussetzungen: Er muß ausreichenden Einblick haben in die geschichtlichen Faktoren; er muß die rechten Maßstäbe richtig anwenden; und er muß die Phänomene der Situation proportionsgerecht einordnen.