Zu wenig Lehrer, überlastete Lehrer, überfüllte Schulklassen – trotz aller Bemühungen, das Pädagogen-Soll auf neuen Wegen zu erfüllen, wird es noch Jahre auf diese Weise so weitergehen. Indessen glaubt der Harvard-Psychologe Frederic Skinner einen Ausweg gefunden zu laben: Er hat eine Lehrmaschine konstruiert, die in den letzten Jahren bei Tausenden von amerikanischen Schülern erprobt worden ist. Im Staate Virginia wurden zwei Jahre lang 2000 Oberschüler mit der Skinnerschen Erfindung in Mathematik und Chemie unterrichtet. Eines der Ergebnisse: 1960 bestanden 34 Schüler die Abschlußprüfung in Algebra; sie hatten innerhalb eines halben Jahres das gesamte Jahrespensum studiert, ohne irgendwelche Hausaufgaben gemacht zu haben. In vier Wochen erreichte eine andere Klasse mit der neuen Methode den normalen Leistungsstand, hinter dem sie weit zurückgelegen hatte.

Das Skinnersche Lehrsystem, das sich technisch des Quizprinzips bedient, macht sich einfach die psychologische Erkenntnis zunutze, daß derjenige besser lernt, der weiß, daß er recht hat.

Die Maschine hat die Größe eines Plattenspielers. Ihre Oberfläche ist aus Plexiglas. Mit einem Drehknopf an der Seite wird die Walze bewegt, über die das Programmband läuft. Das Programm besteht aus einer Folge logisch aufgebauter Fragen, deren Schwierigkeitsgrad stetig steigt. Der Schüler liest eine Frage und kann seine Antwort sofort mit der Lösung kontrollieren. So wird er entweder in seinem Wissen bestätigt und zu weiterem Lernen ermutigt, oder seine Fehler werden sofort berichtigt; es kann sich nichts Falsches in seinem Gedächtnis einprägen. Das Piogrammband enthält Wiederholungsfragen, die das einmal Gelernte festigen. Dem Schüler, so sagt Skinner, bleiben überdies Unsicherheit und blamable Demütigungen vor der ganzen Klasse erspart, die bei einer falschen Antwort oder bei falschen Hausaufgaben normalerweise nicht ausbleiben.

Diese Erfindung verlangt nicht nur für die Lernenden, sondern auch für die Lehrenden eine Umstellung. Der Lehrer hat bei der Arbeit mit der Maschine, die nur bei formalen Fächern wie Rechnen, Rechtschreibung, Sprachen verwendet werden kann, kaum noch Kontakt zu seinem Schüler: Er wird zur bloßen Aufsichtsperson.

Die Programme werden gewöhnlich von einer kleinen Gruppe von Pädagogen entworfen. Dr. S. Sapon, der an einer kalifornischen Schule solche Programme entwirft, bemerkte: „Wenn wir früher ein Buch schrieben, dann sagten wir unseren Schülern: ‚Hier ist mein ganzes Wissen. Wenn du das nicht verstehst, bist du dumm‘. Heute schreiben wir ein Programm und sagen ihnen: ‚Hier ist niedergelegt, was ich dich lehren will. Wenn du es nicht verstehst, bin ich dumm‘.“ Geben in einem Programm mehrere Schüler falsche Antworten, so muß der Fehler beim Verfasser liegen; denn er stellt die offenbar falschen Fragen. Wird es also künftig keine schlechten Schüler mehr geben?

Abgesehen von den lückenhaften Beziehungen, die sich zwischen Schülern und Lehrern einstellen, bildet sich eine andere Gefahr: Das System führt zu einer Nivellierung in wenig gutem Sinne. Wohl werden die schlechten Schüler besser – aber die Methode verbietet es, die guten Schüler so zu fördern, wie es früher dem Lehrer gelang. Nicht umsonst klagen amerikanische Schüler, die mit dieser Methode unterrichtet werden, über Langeweile und Desinteresse bei der Arbeit. Professor Wolfgang Metzger, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, hebt hervor, daß das Gerät – bei allen seinen Vorzügen für das „Büffeln“ – doch immer nur den Unterricht ergänzen könne, damit „man Zeit zum Nachdenken, zum Experimentieren, zum Werken und zum Gestalten gewinnt, an der in unseren Schulen so schmerzlicher Mangel herrscht“.

Unabhängig von der Skinnerschen Lehrmaschine entstand in der Bundesrepublik der „Kölner Lernhelfer“, entwickelt von W. Schiffgens, Rektor einer Kölner Volksschule. Hier soll die Maschine den Lehrer nicht ersetzen; das rege Miteinander von Lehrer und Schüler soll das zentrale Erlebnis in der Klasse bleiben. Der Lernhelfer, der eigentlich auch Lehrhelfer heißen könnte, soll dem Pädagogen helfen, sich von der Last des Unterrichts zu befreien, damit er sich dann um so intensiver dem einzelnen widmen kann. Aber auch diese Kölner Erfindung eignet sich nur für die Vermittlung formalen Wissens.