Voraussetzung ist, daß die Mauer fällt – in fast allen Kommentaren zu dem Plan, die Olympischen Spiele von 1968 nach Berlin zu holen, findet sich irgendwo dieser Satz. Manchmal ist er als Forderung gemeint, und manchmal drückt er die Zweifel aus, ob dieses Projekt überhaupt realisierbar sei. Und in der Tat werden sogar die Urheber des Planes, Sportbundpräsident Daume und der Berliner Senat, zugeben müssen, daß es für die Olympischen Spiele kaum einen Platz auf der Welt gibt, der dafür politisch weniger geeignet erscheint als das Berlin von 1963. Wo, von wenigen Ausnahmen abgesehen, selbst die Bewohner der Stadt nicht von einem Teil in den anderen dürfen, sollen Sportveranstaltungen mit Zehntausenden von Besuchern stattfinden, die beliebig und schnell hinüber und herüber wechseln wollen. Wo auch jetzt noch immer wieder geschossen wird, müßte planvoll, vernünftig und elastisch zwischen zwei Stadtverwaltungen zusammen gearbeitet werden.

Die entscheidende Frage ist allerdings, ob die politischen Hemmnisse gegen den Plan sprechen oder ob sie ihn nicht als ein Beispiel recht verstandener Koexistenz-Bemühungen vielmehr empfehlen. Wer den Abbau der Mauer zur Voraussetzung erklärt, stört diese Bemühungen; denn es besteht in der gegenwärtigen inneren Situation der DDR keinerlei Aussicht, daß sich Chruschtschow und Ulbricht zum Abbau der Mauer entschließen. Sie müßten sich aber sehr schnell entschließen, weil bereits im Herbst über den Ort der Olympischen Spiele von 1968 entschieden werden wird. Der Vorschlag, in Berlin die Olympischen Spiele auszutragen, ist schon deshalb für den Osten schwer annehmbar, weil er als westlicher Vorschlag an die Öffentlichkeit kam. Ihn mit politischen Bedingungen noch weiter belasten heißt, die andere Seite in Prestigenöte zu bringen und zur Ablehnung zwingen.

Der Satz, daß erst die Mauer fallen müsse, entspringt einer besonderen Denkweise, die allmählich zum festen Merkmal der Deutschlandpolitik in der Bundesrepublik geworden ist. Man macht zur Voraussetzung, was bestenfalls das Ergebnis, zunächst aber nur das Ziel sein kann. Über ein "disengagement" läßt sich erst reden bei einer "grundlegenden Wandlung der sowjetischen Politik" (Majonica); solange Moskau den Kalten Krieg führt, kann Bonn nicht mehr tun, als den Westen stärken, damit er den Kalten Krieg gewinnt (zu Guttenberg); mit den osteuropäischen Völkern kann man sich jederzeit verständigen, aber erst, "wenn sie wieder in den Kreis der freien Völker zurückgekehrt sind" (v. Hassel). Diese Reihe ließe sich lange fortsetzen. Als gemeinsame Grundüberzeugung erscheint dabei, daß Politik gegenüber Kommunisten erst möglich sei, wenn sie nicht mehr Kommunisten sind. Gemeinsam verkannt wird dabei, daß – neben der selbstverständlichen Verteidigungsbereitschaft – eine Politik der Verständigung, des Ausgleichs und der Entspannung das einzige ist, was der Westen zur Erreichung der gewünschten Bedingungen tun kann: die östliche Ideologie zu entschärfen, den Kalten Krieg zu, mildern und die osteuropäischen Völker dem Westen näher zu bringen.

Auf Berlin und die Olympischen Spiele angewandt heißt das: Wenn 1968 in Ost- und Westberlin eine internationale Veranstaltung dieses Umfangs stattfinden soll, muß spätestens 1968 zwischen den beiden Teilen der Stadt und zwischen ihren Verwaltungen ein Grad von Kommunikation bestehen, der im Vergleich zu heute sensationell wäre. Die Sache selbst würde eine Verbesserung der politischen Verhältnisse erzwingen; deshalb wäre gute Politik in diesem Fall, allein die Sache zu fördern.

Die wahre Voraussetzung für Olympische Spiele in Berlin ist, daß beide Seiten ein Interesse daran haben oder bekommen. Für den Westen erscheint dieses Interesse offenkundig. Er muß alles begrüßen und unterstützen, was der Entspannung und einer Überbrückung der Spaltung dienen könne. Aber auch der Vorteil für den Osten ist nicht zu übersehen. Die größte internationale Sportveranstaltung der Welt kann nicht, wenn auch nur teilweise, in Ostberlin stattfinden, ohne daß sich daraus eine gewisse Respektierung auch des politischen Ostberlin ergibt. So etwas müßte sogar seine Schatten vorauswerfen, denn es erscheint – um nur ein Beispiel zu nennen – kaum möglich, daß Bonns Verbündete weiterhin den Sportmannschaften eines Staates die Einreise verweigern, dessen Hauptstadt demnächst Schauplatz der Olympischen Spiele sein wird.

Auch für Ostberlin würde sich der Gewinn von selbst einstellen; er wäre als Bedingung nicht durchsetzbar, als Folge aber unvermeidlich. Sollte die DDR also, wie manche vermuten, sogleich auf offiziellen Verhandlungen zwischen Brandt und Ebert bestehen, so würde sie damit zu erkennen geben, daß sie an Olympischen Spielen in Berlin nicht interessiert ist. Wenn beide Seiten wollen,wird man für die nötige Abstimmung untereinander auch Formen finden, die für beide erträglich sind. Der Westberliner Senat vermeidet deutlich alles, was dem Osten eine Beteiligung unmöglich machen müßte. Daß es ihm hier nicht um propagandistischen Punktgewinn geht, beweist schon die fast drei Monate bewahrte Diskretion (für westliche Verhältnisse fast ein Wunder!).

Ob Ostberlin und Moskau das zu würdigen wissen, bleibt abzuwarten. Man muß hier äußerst pessimistisch sein. Aber auch wenn dieser Plan nicht verwirklicht werden sollte, hat er seinen Wert gehabt – als Zeichen nämlich für die Richtung, in der allein es in Berlin wie in Deutschland sinnvoll weitergehen kann.

Peter Bender