Hat je ein ostelbischer Junker sich voll so heiterer Melancholie artikuliert wie der alte Dubslav Stechlin? Das ist mit einigen Gründen zu bezweifeln, wie übrigens auch die Lebensähnlichkeit von Rex und Czako, die ja schon Thomas Mann zu der nachsichtigen Frage stimuliert haben, ob „preußische Leutnants so anmutigen Geistes gewesen sind“. Und dieser selbst! Von lachhafter Wirklichkeitsfremdheit ist jener träumerische Passus kontorhafter Todeszuneigung, da der Konsul Buddenbrook in seiner Laube Schopenhauer liest. Der in die Kunst entlaufene hugenottische Apotheker schafft sich dort ein Mundstück wie hier der konstipierte, schlaflose, allgemein gepeinigte und von der Pflicht zur Produktivmachung der eigenen Existenz ramponierte Hanseaten-Sproß.

Es war diese Woche eine Sache zu besichtigen von vergleichbarer Intellektualisierung und Beredtmachung einer doch eher jagenden Lebenssphäre: Eduard Graf von Keyserlings Roman „Dumala“ in der Fernsehbearbeitung von Alix du Frênes. Man möchte annehmen, daß es nicht so weit her war mit der Vergeistigung des Baltikums und dem Causeurtum seiner aristokratischen Bewohner. Auch ist es wohl anders bestellt gewesen mit der müden Sinnlichkeit adliger Abenteurer und dem gelangweilten Lebenshunger biologisch verwitweter Baronessen. So ist nicht gesprochen worden, da nicht wie hier nicht, und zu solcher Vergeistigung des Ungeistigen bedurfte es der Kunst.

Sehr sonderbarer Weise lebt dieses Baltikum auf verklärttreue Weise dennoch in den Romanen des Grafen Keyserling, die für die Literatur nicht so übermäßig viel bedeuten, am verläßlichsten weiter. Die Kunst stellt die Wahrheit her, indem sie lügt, was heißen soll, daß sie das Sprachlose zum Sprechen bringt und das Ungeschliffene pointiert. Die marlitthaften Züge im Erzählwerk des baltischen Grafen sind nicht zu übersehen, aber doch auch nicht die spätlingshafte Verfeinerung, die in die Richtung Fontanes und Thomas Manns schlägt, der seinem Gegenspieler aus dem östlichsten Raum Deutschlands einen Nachruf von herablassender Devotion gewidmet hat. Er hatte ein Organ für die Lebensuntüchtigkeit dieser Welt und deren Selbstironisierung im Werk Keyserlings.

Hat das Fernsehen mit der Kunst zu tun? Das mag dahingestellt sein. Man behandelt es wohl besser mit jener sympathievollen Arroganz, die sich aus der Bildröhre Stoff zu Meditationen auf eigene Faust holt. Es ist wenig in der letzten Zeit und trotz einiger braver Sachen nichts in der letzten Woche zu besichtigen gewesen, das auf ähnlich unzulänglich-eindrucksstarke Weise Anlaß zu Gedanken über Kunst und Realität und über die poetische Verklärung sterbender Welten gab. lupus