Von Karl Adam

Der Achter des Ratzeburger Ruderclubs gewann trotz der Leihboote in den USA fünf Rennen in fünf Wochen. Nach Regatten in Washington, Princeton, New York und Philadelphia verabschiedete er sich, indem er nach dem zweiten Platz im Vorlauf die Eastern Sprint Championship (die Meisterschaft der östlichen Universitäten über die Strecke von 2000 m) gewann. Der Zeitungsleser muß daraus den Eindruck gewinnen, daß die deutsche Ruderei als solche der amerikanischen überlegen sei. Wenn es jemals einen Eindruck gegeben hat, der falsch war, dann ist es dieser.

Wer gesehen hat, wie in Princeton oder Philadelphia zwanzig bis dreißig Achterbesatzungen im Laufschritt ihre Riemen ans Boot bringen, um ein intensives, wenn auch in den Einzelheiten etwas veraltetes Training durchzuführen, wer gesehen hat, wie bei den Eastern Sprints 71 Achter in zwei Gewichts- und drei Leistungsklassen die Besten ermitteln, der muß erkennen: Die Amerikaner haben seit Jahrzehnten etwas verwirklicht, wovon einige Sportidealisten in Deutschland manchmal zu träumen wagen. Dort werden Tausende junger Männer der zukünftigen Führungsschicht durch die Schule eines harten und gut geleiteten Leistungstrainings geschleust, lernen Disziplin, Teamwork, Einordnung, harte Arbeit an sich selbst und Mobilisierung letzter Leistungsreserven. Dem haben wir in Deutschland nichts Gleichwertiges entgegenzustellen. Daß es uns trotzdem gelungen ist, einige wenige Mannschaften durch ausgetüftelte Methoden so weit zu entwickeln, daß sie die besten amerikanischen gerade noch schlagen können, hat nicht allzuviel zu bedeuten. Wenn die Amerikaner einige Änderungen bootstechnischer, methodischer und organisatorischer Art durchführen würden, könnten sie bei ihrer Auswahl prachtvoller junger Männer in kurzer Zeit wieder ebenso unangefochten vor uns herfahren, wie vor zehn Jahren. Allerdings erscheint es mir zweifelhaft, ob diese Änderungen durchgeführt werden können. Das System der College-Ruderei beruht auf Massenausbildung und kann auf dieses Prinzip nicht verzichten. Die Kräfte der Trägheit gegenüber jeder Änderung sind daher viel größer, als bei uns. Ein Punkt, in dem eine Umstellung sich sehr stark auswirken würde, wird von allen amerikanischen Coaches, mit denen ich sprach, ganz klar erkannt, so daß ich ohne Hemmungen darüber schreiben kann: der Übergang zum ganzjährigen Training. Bisher hört mit Beginn der Ferien das Training auf. Was man dagegen tun kann, ist meinen amerikanischen Freunden – zu unserem Glück – völlig unklar.

Höhepunkt der Reise war das Zusammentreffen der Ratzeburger Mannschaft mit dem Cornell-Achter, der den amerikanischen Stil in Vollendung demonstrierte. Bei kleiner Übersetzung lang ausgezogener Schlag, der mit unheimlicher Wucht und Schnelligkeit durch das Wasser gepeitscht wird, verzögertes Vorrollen, das die Schlagzahl auf höchstens 34 beschränkt. Dieser Stil verlangt, wenn er zu Höchstleistungen führen soll, sehr große und gleichzeitig schnelle Leute, die selten sind. Bei Rückenwind, auch noch bei Windstille, ist man durch diesen Stil gegenüber der modernen deutschen Technik mit hoher Schlagzahl und flüssig abgerundeter Verbindung der Einzelschläge zu einer Gesamtbewegung hoffnungslos im Nachteil. Bei Gegenwind ist dieser Nachteil ausgeglichen. Bei der Sprintmeisterschaft in Worcester herrschte starker Gegenwind, der zudem während des Vorlaufes erheblich zunahm. Dadurch lag der Ratzeburger Achter mit einer zu großen Übersetzung im Rennen und verlor knapp. Am Nachmittag, als die Übersetzung stimmte, konnte im Entscheidungslauf dieses Ergebnis deutlich, wenn auch nicht ohne Mühe, korrigiert werden, obwohl der Gegenwind immer noch stark war.

Eine Umstellung der amerikanischen Mannschaften auf einen Stil, der nicht nur für Rennen bei Gegenwind geeignet ist, verlangt gleichzeitig eine Änderung des Hebelverhältnisses. Da ein überall gleichmäßiges Bootsmaterial Voraussetzung der Massenausbildung ist, wird dies auf Schwierigkeiten stoßen. Es ist anzunehmen, daß die amerikanischen Coaches auf Grund unseres Besuches all diese Probleme genau durchdenken werden. Schon während unseres Aufenthaltes war das aus den umfangreichen und an hervorragender Stelle veröffentlichten Presseberichten zu erkennen.

Übrigens habe ich noch niemals vorher so objektive, sachlich genaue und wohlinformierte Sportberichte gelesen wie die der „New York Times“ und „New York Herald Tribune“ über unsere Rennen. Zum Teil dürfte das daran liegen, daß während der Rennsaison sich Coaches und Journalisten jeden Montag zum Lunch in einem sehr netten Lokal treffen, wo sich dann jeder Trainer zu seinen Rennen äußert.

Für mich als eingefleischten Schulmeister waren die erfreulichsten Ergebnisse der Reise nicht die gewonnenen Rennen, sondern die direkten und durch Dritte übermittelten lobenden Äußerungen über das Auftreten unserer Jungen. Sie reichten von dem „nice boys“ der Damen über „rowing gentlemen“ bis „champion in and out of the boat“. Der „New York Herald Tribune“ begann seine Notiz über die Einladung des Achters nach Mexiko in der Ausgabe vom 19. Mai 1963 mit dem Satz „The world championship Ratzeburg Rowing Club crew evidently likes North America and North America likes it.“ (Die Weltmeistermannschaft des R.R.C. liebt offensichtlich Nordamerika und Nordamerika liebt sie.) Der erste Teil dieses Satzes ist ganz sicher richtig, denn wenn man fünf Wochen lang die ganz unbeschreibliche amerikanische Gastfreundschaft erlebt hat, ist es unmöglich, Amerika und vor allem die Amerikaner nicht zu lieben.