Von Thilo Koch

Washington, Ende Mai

Es ist wieder ruhig in den Straßen von Birmingham. Aber die Ruhe ist. trügerisch. „Bombingham“ nennen die Neger das große Industriezentrum im Staate Alabama. Und die Erinnerung an Sprengstoffattentate, an die bissigen Polizeihunde, an Wasserwerfer, Gummiknüppel und Messer ist noch lebendig.

Es rumort weiter in den Südstaaten. In der Bundeshauptstadt Washington waren die Regierung, der Oberste Gerichtshof und das Parlament so besorgt und so aktiv wie selten zuvor. Der Bruder des Präsidenten, Robert F. Kennedy, ist es vor allem, weil er ja als Justizminister entschlossen sein muß, etwas zu tun. Aber was wird er tun? Bisher hat Präsident Kennedy sich darauf beschränkt, Versicherungen zu wiederholen, die er in ähnlicher Weise schon zur Zeit der Zwischenfälle in Mississippi abgegeben hatte: Eine amerikanische Regierung sei dazu verpflichtet, Recht und Gesetz im Lande durchzusetzen – mit allen Mitteln.

Während bei dem Streit um den Negerstudenten Meredith an der Staatsuniversitätvon Mississippi mehr als 15 000 Soldaten eingesetzt wurden, waren es in Birmingham im Staate Alabama bisher nur 3000 Mann; sie brauchten nicht in Aktion zu treten; dennoch waren die Vorgänge von Birmingham nach Umfang und Art der Gewaltsamkeiten der bisher schlimmste Zusammenstoß zwischen den Rassen.

Washington ist heute tiefer beunruhigt als jemals seit Kennedys Regierungsantritt. Das Gefühl wächst, eine revolutionäre Situation spitze sich zu. Kennedy ist auch mit den Stimmen der Neger an die Macht gekommen. Und die Neger sind zweieinhalb Jahre nach der Präsidentenwahl unzufrieden mit einer Regierung, von der sie sich eine durchgreifende Aktivität im Kampfe um die Bürgerrechte für die farbigen Amerikaner versprachen.

Robert F. Kennedy, der Justizminister, bat einige Negerführer zu sich, um die Lage zu besprechen. Der farbige Schriftsteller James Baldwin erklärte bei dieser Gelegenheit, die amerikanischen Neger seien an einem Punkt angekommen, wo sie es sich überlegen müßten, ob sie noch für die Vereinigten Staaten von Amerika kämpfen könnten; auf vielen Kriegsschauplätzen seien in den letzten Jahrzehnten farbige Amerikaner für ihr Land, aber auch für die Freiheit anderer Länder, gestorben; dennoch werde denselben farbigen Amerikanern noch immer die volle Freiheit innerhalb ihrer eigenen Nation vorenthalten. Der Justizminister der USA gab zu erkennen, daß kein Argument der Neger ihn bisher stärker erschreckt und bewegt habe als dieses.