Von den fünf Sinnen ist der Geruch der problematischste. Warum haben verschiedene Stoffe unterschiedliches Odeur? Warum sind einige Substanzen geruchlos für uns, nicht aber für bestimmte Tierarten? Und wie kommt es, daß zwei Stoffe völlig unterschiedlicher chemischer Zusammensetzung das gleiche Aroma haben können? Diese letzte Frage ist die interessanteste, denn sie deutet darauf hin, daß nicht – oder nicht nur – die chemische Eigenschaft einer Substanz für ihren charakteristischen Geruch verantwortlich ist. Zum Beispiel riechen Kampfer, Hexachloräthan und Trinitroacetonitril gleich, obwohl ihre Moleküle außer zwei Kohlenstoffatomen nichts gemein haben.

Gemeinsam aber ist jenen Chemikalien die Kugelform ihrer Moleküle, und ausgehend von dieser Tatsache prüfte der amerikanische Zoologe J. E. Amoore noch eine Menge anderer Stoffe mit kugelförmigen Molekülen. Jedesmal stellte sich heraus, daß diese Substanzen nach Kampfer riechen.

Professor Amoore entdeckte bei seinen weiteren Untersuchungen, daß Stoffe, deren Moleküle scheibenförmig sind, einen Moschusgeruch verbreiten; Blumendüfte wiederum werden von Molekülen erzeugt, deren Form einem Papierdrachen gleicht. Gerüche, die an Pfefferminze erinnern, gehen von keilförmigen und ätherische Odeurs von sehr kleinen, dünnen Molekülen aus.

Die von menschlichen Nasen registrierten Düfte, so glaubt der amerikanische Gelehrte, setzen sich aus sieben Grundaromen zusammen. Auf jede dieser Komponenten reagiert einer der sieben verschiedenen Rezeptor-Typen in der Nase. Ein solcher Rezeptor ist gewissermaßen ein Schloß, in das nur die Moleküle einer bestimmten Form als Schlüssel passen.

Doch es gibt noch eine andere neue Hypothese über den Geruch. In der letzten Ausgabe der englischen Zeitschrift „Nature“ vertritt der kanadische Biologe R. H. Wright die Ansicht, das Odeur einer Substanz habe nichts oder jedenfalls nicht direkt etwas mit der Form, sondern vielmehr mit den Vibrationen der Moleküle zu tun. Die Frequenz solcher Molekularbewegungen liegt im Bereich der niederfrequenten infraroten Strahlen, die mit Infrarot-Spektrometern nicht erfaßt werden können.

Beide Hypothesen erklären, warum es für uns geruchlose Stoffe gibt, die von Tieren olfaktorisch wahrgenommen werden: Die Moleküle jener Substanzen nämlich passen entweder nicht in eines der sieben „Schlösser“ – oder der Empfänger „Nase“ ist beim Menschen nicht auf die betreffende Molekularfrequenz eingestellt.

Es spricht indessen für die Vibrations-Theorie, daß sie den Rezeptoren in Auge, Ohr und Nase eine gleichartige Funktion zuschreibt: die Registrierung eines Frequenzgemisches. Die „Geruchs-Symphonie“, von der Parfüm-Hersteller gern sprechen, wäre danach kein so verkehrtes Bild.