Wer im Sommer Ski laufen will, muß nicht unbedingt ein Snob sein. Er war einfach ein Besessener, der der Versuchung nicht widerstehen konnte, eines schönen Sommertages den weißen Kaolinsandberg unweit seines Hauses mit seinen ältesten Skiern zu besteigen und eine Abfahrt zu versuchen. Es kratzte und ächzte wie auf Firnschnee, aber es ging. Unter ihm lag das hübsche alte Städtchen Hirschau mit den weiten Fluren und den bewaldeten Hügeln der Oberpfalz. Lange zog der Sommerskiläufer dort allein seine Spuren. Erst hielt man ihn für „spinnet“, dann ahmte man ihn nach, und so kam er schließlich auf die Idee: Wenn es schon aus ist mit der Einsamkeit, sollte man wenigstens von den Vorteilen des Tourismus’ profitieren können.

Das war 1956 Und heute? Ein Schlittenschlepplift führt auf den hundert Meter hohen „Monte Kaolino“ (Erwachsene bezahlen fünfzig Pfennig, Kinder fünfundzwanzig, Hin- und Rückfahrt). Natürlich kann man ihn auch zu Fuß besteigen. Das Gefälle beträgt dreiunddreißig Prozent. Der Berg wird aus einem nahen Weiher mit Wasser bespritzt, um die Gleitfähigkeit zu erhöhen. Zwar währt das Vergnügen der Abfahrt nur kurz, aber man kann ja auch das Liftein hinauf als Vergnügen buchen. Skikanonen probierten den Berg aus und fanden, man könne nicht nur abfahren, sonder auch schwingen und springen.

Der Sport macht trockene Kehlen. Ein Erfrischungsrestaurant mußte her, ein Schwimmbad durfte nicht fehlen. Das Kaolinwerk stiftete eine schöne, moderne Schwimmanlage: ostpreußisches Dünenstrandleben in Bayern.

Wirklich: Es sieht aus wie an der Bernsteinküste; Hügel ringsum, sie sind aus den Erdschichten entstanden, die man wegräumen mußte, um zur Kaolinschicht zu gelangen. Buschwerk, Kiefern und Strandgras sind nachgewachsen. Der feine, saubere weiße Sand ringsum wärmt und bräunt mit seiner Rückstrahlung wie an der See – sofern die Sonne scheint. Die neue Buschlandschaft geht in die alten Wälder über, die sich weit ringsum dehnen.

Der Berg wächst weiter, automatisch, solange das Kaolinwerk arbeitet. Er ist nun 25 Jahre alt und besteht aus dem Abfallsand, der aus der Kaolinproduktion, dem Rohstoff für die Porzellanindustrie, übrigbleibt. Zum Glück für den Skifreund, der nun auch im Sommer trainieren kann. Skier braucht er nicht mitzubringen, nur Stiefel und Stöcke; Sandski mit PVC-Belag werden für drei Mark pro Tag verliehen. Das Gaststättenverzeichnis des 4500-Einwohner-Städtchens zwischen Amberg und Weiden, nördlich der Linie Nürnberg–Regensburg, zählt etwa hundert Betten mit Preisen zwischen drei und sechs Mark; Vollpension für acht bis zehn Mark. Ein Campingplatz ist in der Nähe des Berges. „Nur nicht zuviel Reklame stöhnt der Bürgermeister, „wir sind während der Saison, die Ostern beginnt und im Oktober endet, fast immer voll besetzt!“

Jutta Rudershausen