Tomatenpflanzen, Friedensfahrer und Freiheitsberaubung

Der Aufenthaltsraum im Bahnhof Friedrichstraße ist wieder geöffnet. Im Winter hatte man ihn geschlossen. „Die Leute werfen Kippen und Asche auf den Fußboden“, hatte der Volkspolizist damals gesagt, „obwohl wir Aschbecher aufgestellt haben.“ Jetzt hängt ein Schild da: „Rauchen nicht erwünscht.“ Es raucht keiner, der da auf die Zahl wartet, die aufgerufen werden soll, damit er passieren kann. Viele kaufen Camelzigaretten, schottischen Whisky und holländische Schokolade am Intershop-Stand. In den Schaukästen ist rosa und gelbe Damenunter-Wäsche gehißt. Farbphotovergrößerungen vom Ferienheim Theo Neubauer, Tabarz im Harz, machen Propaganda für Agfa. Fünfsprachig steht im letzten der vielen Kontrollräume über dem Ausgang: Transitpassengers to the berlinschoenefeld airport change train at adlershof Station. Der Uniformierte sächselt den Reisenden an: „Na, und Sohnemann?“ Dann bemerkt er: „Ach, is ne Tochter, hat ja’n Rock an, hab’ch gornich gesähn.“

Der Frühling ist nicht zu bremsen. Um den Bahnhof sind U-Bahnausgänge zugemauert und eingeebnet, aber blühende Sträucher stehen neben dem gläsernen Prunkausgang aus der gefangenen Stadt – Auslaß für die aus dem Westen. Man möchte den Hinrichtungsort der Kommunikation verziert haben. Baumkandelaber, mit Kastanienkerzen besteckt, neben der alten Wache Unter den Linden, vor der Soldaten Posten bezogen haben. Die Wachablösung erfolgt durch ein Summzeichen, das in den hölzernen Podien unter den Schaftstiefeln ertönt, ausgelöst im düsteren Innern des Mahnmals. An einem Kran auf dem Schloßplatz klettern Buchstaben von oben nach unten: Frieden. Das künftige Haus des Staatsrates daneben ist mit Fahnen besteckt. Da soll Walter wohnen, sagt der Taxichauffeur (damit liefert er, wie alle Berliner Taxichauffeure, die Pointe). Die roten Flaggen wehen im Wind den Adlern, Säulen, bäumenden Pferden und Rossehaltern auf Schinkels Altem Museum entgegen, das fast ganz wiederhergestellt ist. Zwei Zeitalter blicken sich in die Fassade.

Vor der Zentralmarkthalle am Alexanderplatz, ehemals der Bauch von Großberlin, schüttelt eine Frau eine Sammelbüchse. „Für die evangelische Gemeinde“ ruft sie leise. Neben dem Tor hängt ein Aushangkasten, mit getipptem Angebot und Nachfrage. Einer will ein Nußbaumklavier für 250 Mark verkaufen, ein anderer für eine Junggesellenbettcouch 300 Mark haben. Aber der Sommer kommt auch luxuriös, zu Wasser angefahren: 20er Jollenkreuzer, Mahagoni, aus bekannter Werft, mit Propan, Motor Dinarstart, bewährt Binnen und Bodden, erstklassiger Zustand 17 600 DM.

„Das stinkt aber nicht“

Drinnen geht man in einer Schatzhöhle; das ist Wochenmarkt, Tinnefbasar, Filzlatschengewölbe. Hausnummern aus Emaille, Porzellantänzerinnen, Petroleumlampen, Spielzeug, Siedlerbedarf. Oderbrucher Bettfedern in Tüten, Kilo 36 Mark. Handtücher aus Kunersdorf und Hohenstein-Ernstthäl. Auf der Tafel für amtliche Höchstpreise notieren ägyptische Zwiebeln das Kilo 1,20, Zitronen Kilo 5,– Mark. Am Fischstand werden märkische Karpfen, Bleie und Barse angeboten. Radies und Salat dämmern als rotgrünes Muster in der feuchten Gewölbeluft. Man spürt, daß die Oststadt Anschluß an das flache Land hat, anders als in Westberlin, wo jeder Salatkopf und jedes Bündel Radies Import ist, das der lange Transport staubig und teuer macht. Am Bücherstand wird Anna Seghers „Bienenstock“ angeboten, drei Bände für 19,80. Wanderkarten durch die Schorfheide, das Schlaubetal, die Dubrowgewässer, den Gamengrund hängen an Wäscheklammern am Fenster.

Männer mit Parteiabzeichen, die Eiswaffeln balancieren, Hausfrauen, die in Kartoffelpuffer beißen, umstehen den Mann mit dem Motten-Schutzmittel. Er hält ein Heftchen in der Hand, weißlicher Staub fällt heraus. „Das stinkt aber nicht“, deklamiert er. „Meine Damen, links und rechts in den Kleiderschrank damit. Lebensmittel ’rausnehmen, Zierfische ’rausnehmen. Betreten Sie eine halbe Stunde später den Raum, nehmen Sie den Müllfeger in die Hand und fegen die toten Insekten zusammen. Und wischen Sie vierzehn Tagen keinen Staub, denn es ist ein Kontaktgift. Wir sind der chemischen Industrie dankbar, daß sie den Artikel herstellt.“